Hilfsbereitschaft ist überwältigend
Zentralthailand versinkt im Hochwasser /
Erbitterter Kampf um Bangkok
Die nationale Katastrophe eint ein zerstrittenes Volk. Eine Welle der Hilfsbereitschaft erreicht die vom Hochwasser betroffenen Gebiete. Thais setzen ein Zeichen, dass ein ganzes Land sich selbst helfen kann. Die Spendenbereitschaft ist beispielhaft. Aus allen Landesteilen bringen Lastwagen, Schiffe, Speedboote, ja selbst Jet-Skis, dringend benötigte Lebensmittel, Trinkwasser, Kleidung und Medikamente zu den Flutopfern.
In den von Städten, Dörfern und Tempeln eingerichteten Sammelstellen türmen sich die Waren. Supermärkte und Fernsehsender halten zu Spenden an und schaffen diese kurzfristig in die von Überschwemmungen betroffenen Regionen. Auch aus dem Ausland kommt Hilfe, aus China, den USA, Japan, Australien… Der deutsche Botschafter Rolf Schulze hat dem Roten Kreuz einen Scheck über 40.000 Euro zum Kauf von zwei Rettungsbooten und für humanitäre Hilfe überreicht. In der als Notunterkunft eingerichteten Sporthalle der Thammasat-Universität in Rangsit übergab der Botschafter Matratzen, Decken und Kissen für 500 Menschen – wie der Scheck eine Spende der Bundesrepublik.
Bei den heftigsten Regenfällen und Überschwemmungen seit Jahrzehnten sind seit Juli mindestens 300 Menschen ums Leben gekommen. Flüsse traten über die Ufer, Dämme brachen, verzweifelte Menschen flüchteten in Panik vor den Fluten, Behörden ordneten Evakuierungen an. Zehntausende Helfer – Soldaten, Polizisten, Mitarbeiter von Rettungsdiensten, kommunale und staatliche Beschäftigte, Fabrikarbeiter und Freiwillige – zeigen Solidarität und sind im Einsatz. Sie versorgen die vom Hochwasser betroffenen Familien mit Trinkwasser und Lebensmitteln, bringen Flutopfer in Notunterkünfte.
In den Katastrophengebieten haben Einsatzkräfte im Wettlauf gegen die Zeit mit Millionen Sandsäcken und Spundwand-Elementen unermüdlich Schutzwälle errichtet. Soldaten hoben in den Vororten der Hauptstadt Kanäle und Wasserwege aus, in denen das Wasser abgeleitet wurde, damit es nicht in die Bangkoker Innenstadt floss. Oft, zu oft, verloren die Helfer den Kampf gegen die Naturgewalten. In 30 Provinzen, im Norden, Nordosten und in Zentralthailand, traf die Flut 2,5 Millionen Menschen. Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten, Bangkoker legten sich in Supermärkten der Stadt panikartig Notvorräte zu. Bei der Vielzahl an Hiobsbotschaften fiel es den Behörden schwer, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.
Die zentralen Provinzen Nakhon Sawan, Ang Thong, Ayutthaya mit der historischen Königsstadt, Pathum Thani und Nonthaburi sind überschwemmt. Inzwischen auch Bangkoker Vororte. Auch, weil aus mehreren randvollen Staudämmen im Norden Wasser abgelassen wurde. Dadurch trat der Fluss Chao Praya, der durch viele Reisbauflächen fließt, in zahlreichen Regionen über die Ufer.
Neben Geschäften und Wohnhäusern sind mehrere Industriegebiete mit 1.000 Fabriken überflutet worden. In der Provinz Ayutthaya traf es vor allem japanische Hochtechnologie-Firmen, die viele Wochen ihre Arbeit einstellen müssen. Zwei Monate wird es nach Einschätzung von Experten dauern, bis das Wasser aus den überfluteten Gebieten abgeflossen ist.
Der Sachschaden wird auf mehrere hundert Milliarden Baht geschätzt: Schäden an Wohn- und Geschäftshäusern, an Fabrikgebäuden und Maschinen sowie Produktions- und Ernteausfälle. Thailands Reisbauern werden nach Angaben des Handelsministeriums sieben Millionen Tonnen weniger ernten.
Heftige Kritik wurde am Krisenmanagement laut. Kommunen, Bezirke, Provinzen und Regierung hätten zu lange unkoordiniert nebeneinander her gearbeitet, hieß es. Von Inkompetenz, Missmanagement und politischen Intrigen war die Rede. So brachten sich Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra, Justizminister Pracha Promnok als Leiter des nationalen Krisenzentrums und Bangkoks Gouverneur Sukhumbhand Paribatra als Krisenmanager in Stellung.
Nachdem Wissenschaftsminister Plodprasop Suraswadi voreilig und unbegründet die Evakuierung der Bevölkerung in den Bangkoker Vororten nördlich des Airports Don Mueang angeordnet hatte, platzte Sukhumbhand Paribatra der Kragen: „Hört auf mich, auf mich allein. Ich werde euch mitteilen, wann die Evakuierung beginnen soll. Glaubt mir, keinem anderen.“ Der Gouverneur hatte wiederholt beteuert, die Stadt könne die Katastrophe allein bewältigen, und die Innenstadt wäre sicher. 75,8 Kilometer Schutzmauern gegen die Flut, 6.404 Kilometer Entwässerungsleitungen, 2.604 Kilometer Kanäle zur Ableitung des Wassers, 21 Rückhaltebecken, zahlreiche Pumpstationen und Millionen Sandsäcke würden die Metropole trocken halten. Sukhumbhand Paribatra sollte Recht behalten (zumindest bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe).
Ein Retter meldete sich aus dem fernen Dubai zu Wort. In einem Gespräch mit der Bangkok Post sagte der aus dem Amt geputschte ehemalige Premier Thaksin Shinawatra sinngemäß: „Gebt mir 400 Milliarden Baht, dann gibt`s keine verheerenden Überschwemmungen mehr“. Da stellt sich die Frage, warum Thaksin während seiner Regierungszeit eine effiziente Hochwasserschutzstrategie nicht umgesetzt hat.
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