Daniel Rohr und seine faustische
„Sympathy for the Devil“
In seinem Beitrag „Neuinszenierung eines Klassikers: „Faust“ erobert Thailand“ wies FARANG-Autor Björn Jahner auf die moderne Interpretation des Goethe-Stückes durch Daniel Rohr im „Patravadi Theatre“ in Bangkok hin. In dem heutigen Beitrag äußert sich der Schweizer Schauspieler und Regisseur gegenüber FARANG-Autor Lothar W. Brenne-Wegener zu Vorstellungen und Gedanken, die ihn zu seiner Interpretation des Theaterstücks inspirierten.
Nein, ich kann mir einen kurzen Kommentar zur Aufführung von Daniel Rohrs Neuinszenierung nicht verkneifen, auch wenn die Präsentation des Stückes nicht im Vordergrund dieses Beitrags stehen soll, sondern vielmehr dessen „Macher“ und das, was in Vorbereitung des Stücks in dessen Kopf vorgegangen ist: Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Goethes „Faust“, jenem unbestrittenen Klassiker der Weltliteratur, jemals gehört oder gesehen haben. Die unlängst auf der Experimentierbühne des Bangkoker Patravadi Theatre gezeigte Neuinszenierung des Schweizer Multi-Talents ist witzig, schmissig, unterhaltsam und amüsant und verliert dennoch in seiner slapstickartigen Darbietung das Original zu keinem Zeitpunkt aus den Augen. Für den, der dennoch Gefahr läuft, dies zu tun, ertönt nach jedem berühmten Zitat ein akustisches „Achtung“-Hupsignal, wie wir es von den zahlreichen Garküchen auf den Straßen Bangkoks kennen!
Wer ist dieser Daniel Rohr, dem es einfällt, Gretchen als „Sexbomb“ zu besingen und Faust durch Mick Jaggers „Sympathy for the devil“ zu huldigen? 50 Hits der Rock- und Pop-Geschichte, allesamt aus der Hochzeit der „sex‘n drugs‘n rock’n’roll“-Zeit, hat der Schweizer in die Handlung eingebaut, mal durch die vierköpfige Begleitband im Hintergrund nur kurz angespielt, mal von Faust, verkörpert durch den Münchener Schauspieler Silvester von Hösslin, oder Mephisto/ Gretchen (in Personalunion), dargestellt durch Daniel Rohr in doch überraschend guter Stimmqualität etwas ausgedehnter vorgetragen.
„Schon zu Goethes Zeiten war das Stück sehr wild...“, begründet Rohr seinen Eingriff in das Stück, „...Faust ist sex‘n drugs‘n rock’n’roll. Faust und Mephisto waren doch schon zu ihrer Zeit typische Vertreter des Rock’n’Roll Feeling, wie wir es später in den sechziger/ siebziger Jahren selbst erlebt haben. Da gab es doch genügend Momente, wo wir gesagt haben: oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön. Die Walpurgisnacht ist doch ohne Drogen gar nicht vorstellbar, und Gretchen? Na, ein typisches Groopy!“
Theater, das die Menschen verstehen
Er möchte, so Rohr, das Theater so zeigen, dass die Menschen es verstehen. Seine Absicht sei es, einen alten Stoff wieder interessant zu machen. Die Frage, ob er dabei nicht Gefahr laufe, dass ihm dabei – wie im modernen Regietheater zuweilen feststellbar - die Zuschauer abhanden kommen, beantwortet er nonchalant mit dem Hinweis darauf:
„Im Gegenteil, ich möchte Schwellenängste abbauen, die Leute wieder ins Theater holen und nicht herausspielen.“
Und warum kommen Sie damit ausgerechnet nach Bangkok, warum nicht beispielsweise Addis Ababa, frage ich ihn.
„Nun, wenn man mich dorthin einladen würde, liebend gerne, sofort! Aber wissen Sie, überall auf der Welt gibt es Menschen, die sich für Theater interessieren. Was wir hier zeigen, ist doch ein riesiger Exportschlager. Der Faust ist nun einmal ein zentrales Werk nicht nur der deutschen Sprache, sondern auch der Weltliteratur. Die Message ist doch, dass wir in unseren Aufführungen Geschichten erzählen. Und die Thailänder hören nun einmal gerne Geschichten. Wir gehen mit dem Stück übrigens auch nach Teheran. Die Leute dort hungern ebenso danach, etwas Derartiges zu sehen. Und vergessen Sie nicht die deutschsprechende Gemeinde in Bangkok. Die hat doch auch ein Anrecht darauf, einmal etwas Derartiges zu erleben.“
Fragen des Publikums wurden beantwortet
Im Anschluss an die Vorführung nahmen sich Schauspieler und Musiker noch die Zeit, Fragen der Zuschauer zu beantworten. Wie lange er an der Bearbeitung des Stoffes gesessen habe, wollte ein junger Thailänder wissen. Ein anderer Besucher fragte, ob ihm bei dem Stoff nicht schon bald die passenden Musiktitel ausgegangen seien, und schließlich stellte sich heraus, dass eine ganze Gruppe Schauspieler, Tänzer und Sänger einer örtlichen thailändischen Theaterschule, die sich die Vorstellung mit größtem Interesse angeschaut hatte, an einem ähnlichen Projekt arbeitet, nämlich einer musikalischen Version von „Peter Pan“.
„Sehen Sie, allein die Tatsache der Kommunikation mit diesen jungen Leuten, der gegenseitige Gedankenaustausch, auch über kulturelle Grenzen und Unterschiedlichkeiten hinweg, ist doch der beste Beweis dafür, wie lohnend es ist, all diese Mühen auf sich zu nehmen. Damit erübrigt sich dann eigentlich auch die Frage, warum man so etwas ausgerechnet in Bangkok auf die Bühne bringt!“
Daniel Rohrs Aufgeräumtheit und Redseligkeit beim anschließenden gemütlichen Beisammensein im kleinen Kreis, an dem auch die Schweizer Botschafterin Christine Schraner Burgener teilnahm, und die es sich auch schon zuvor nicht hatte nehmen lassen, der Aufführung beizuwohnen, ließen keinen Zweifel aufkommen, dass der Abend für ihn nicht nur Arbeit, sondern auch Freude und Bestätigung bedeutete.
Lothar W. Brenne-Wegener
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