Jan D. Gössing - GM des Mandarin Oriental Bangkok
Deutscher setzt neue Akzente im bekanntesten Hotel Südost-Asiens
Die Tatsache, früher als geplant im Hotel Mandarin Oriental anzukommen, gibt mir die Gelegenheit, mich noch etwas in der „guten Stube“ Bangkoks umzuschauen. Ein etwa zweieinhalb bis drei Meter hoher „Weihnachtsbaum“ aus ineinandergesteckten roten Rosen-, Gerbera- und Lilienblüten bildet den zentralen Mittelpunkt der Lobby und zieht zugleich sämtliche Blicke der eintreffenden Besucher auf sich. Von der Decke hängen ähnlich bestückte Blumengebinde, die dem gesamten Raum eine vornehm elegante Atmosphäre verleihen. Keine blinkenden bunten Lichterketten an Weihnachtsbäumen aus Plastik, keine weißen Rentiere auf weißer Watte und – wie wohltuend – kein „Frosty the Snowman“ aus versteckten Lautsprechern.
Pünktlich um 16.00 Uhr erscheint Jan D. Gössing, der deutsche General Manager (GM) des Hotels, zum verabredeten Interview und beantwortet die erste, spannende Frage vorab: wie wird diese Blütenpracht überhaupt frisch gehalten?
Der augenblicklich zu sehende Blumenschmuck, so der GM, stamme vom Floristen des Königshauses, der alle drei Monate mit seinen Dekorationen die Lobby verzaubere. Jeden Tag würden die Blumen, die ihren Kopf schon zu sehr hängen ließen, gegen neue ausgetauscht.
Nun war ich allerdings nicht ins Hotel gekommen, um etwas über die Blumendekoration in Erfahrung zu bringen, sondern im Mittelpunkt meines Interesses stand Jan D. Gössing selbst. 1958 wurde dieser in Bonn geboren, machte dort das Abitur und absolvierte anschließend seine Wehrpflicht als Panzerfahrer in München. Eigentlich wollte er anschließend Pilot bei der Lufthansa werden, aber eine fatale Unterlassungssünde hinderte ihn schließlich daran: als Jugendlicher hatte er keine Pockenschutzimpfung bekommen, ein Umstand, den die Lufthansa für einen global einzusetzenden Piloten damals noch als Ausschließungsgrund betrachtete! Heute bedauert Gössing die Absage keineswegs, im Gegenteil, er betrachte sie sogar als einen glücklichen Wink des Schicksals, denn seine heutige Tätigkeit entschädige ihn mehr als genug für seine damalige Enttäuschung.
In das Hotelfach „reingefallen“„Wissen Sie, meine Lebensmaxime ist, wenn man erfolgreich sein will, muss man sich von den anderen unterscheiden. Damals gingen alle zur Ausbildung nach London oder Paris. Ich habe mich statt dessen für Deutschland und die USA entschieden. Ich bin in den Beruf des Hoteliers mehr oder weniger reingefallen. Ich habe mich anfangs nur mal so bei zwei Münchener Hotels vorgestellt, und beim „Vier Jahreszeiten“ hat es unerwarteterweise mit einer Anstellung geklappt. Dort habe ich übrigens auch meine Frau kennengelernt, die im selben Hotel Auszubildende war und von dort aus nach Chicago ging. Später bin ich ihr dann mehr oder weniger durch Zufall dorthin gefolgt. Danach war Boston an der Reihe, wo wir dann auch geheiratet haben. Meine beiden Söhne, der eine 22, der andere 20 Jahre alt, sind übrigens beide in den USA geboren und studieren dort momentan noch. Nach Boston kam schließlich das Regent Beverly Wilshire in Beverly Hills, und vor 16 Jahren erfolgte letztlich der Wechsel in die Mandarin-Oriental-Kette. Zunächst war es Hongkong und danach meine erste GM-Verwendung in Jakarta, und schließlich ging es für siebeneinhalb Jahre nach Honolulu auf Hawaii. Nach Washington DC kam dann im Mai 2009 Bangkok, und hier möchte ich eigentlich gern auslaufen, denn gibt es noch eine Verwendung, die das Mandarin Oriental Bangkok toppen könnte?“
Nachfolger von Kurt WachtveitlWie es denn gewesen sei, eine so bekannte Hotellegende wie Kurt Wachtveitl, der über vierzig Jahre die Geschicke des Oriental bestimmt und zu einem der besten Hotels Südost-Asiens gemacht habe, zu beerben, will ich wissen.
„Sie werden es kaum glauben, aber ich habe Kurt Wachtveitl schon vor 27 Jahren kennengelernt. Damals war ich selbst in Asien unterwegs und habe ihn einmal in seinem Hotel aufgesucht mit der Frage, ob er keine Verwendung für mich habe. Ich bekam später sogar eine schriftliche Antwort von ihm, die sinngemäß besagte “... jetzt zwar noch nicht, aber vielleicht später einmal...“ Ich habe dieses Schreiben bis heute aufbewahrt. Es hängt eingerahmt in meinem Büro. Circa fünf Jahre, bevor Kurt in Pension ging, wurde es dann klar, dass ich von ihm übernehmen sollte. Viele meiner Kollegen haben mir damals geraten, zunächst einmal einen anderen auf dem Posten GM werden zu lassen, denn es birgt natürlich schon ein gewisses Risiko, von einer Hoteliers-Legende wie Wachtveitl zu übernehmen. Aber, je komplizierter eine Aufgabe ist, desto reizvoller wird sie für mich. Deshalb habe ich ohne Zögern zugesagt. Ich möchte gern aufbauen auf die Legende Wachtveitl.“
„Kann man das überhaupt noch?“ unterbreche ich ihn.
„Ich bin ein nüchterner Denker, obwohl ich auch überaus passioniert sein kann. Ich denke auch nach Kurt Wachtveitl kann man Neues wagen, der Innovationsprozess geht ja weiter. Ich habe inzwischen den kompletten Angestelltenbereich renoviert und sozusagen ein »Hotel im Hotelkonzept« daraus gemacht. Wir haben es die »O-Zone« getauft, die Oriental-Zone. Das Hotel beschäftigt circa 1300 Angestellte, die im Schnitt seit 16 Jahren hier ihre Arbeit verrichten. In diesem Angestelltenbereich haben sie ihr eigenes Restaurant, eine Rezeption mit einem Portier-Service, einige nutzen Gemeinschaftsunterkünfte zum Ruhen zwischen Schichten, und es gibt sogar verschiedene Aufenthaltsräume sowie eine kleine Bibliothek, ein Computer Center und einen Coffee Shop mitsamt Retail. Überlegen Sie einmal, was hat denn das Hotel wirklich so berühmt gemacht? Es sind die Angestellten, auf deren Schultern all die Arbeit liegt, auf die aber wohl auch der einmalige Erfolg des Hauses zurückzuführen ist.“
Lothar W. Brenne-Wegener
• • •
|