Carlos sagt seine Meinung:
Von Isaan-Tussis und Reis-Deppen
Ich weiß nicht, ob Sie diese Namen und Begriffe auch schon mal gehört oder sogar gebraucht haben für thailändische Girls oder Kellner, die nicht in der Lage waren, eine Bestellung ordentlich auszuführen. Carlos, auf seinem gelegentlichen Weg durch die Bars, könnte ein Lied davon singen…
Er könnte gleichzeitig über solche Bezeichnungen ausflippen. In den vielen Jahren, die er hier schon lebt, hat er jedoch „jay yen yen“ gelernt und bemüht sich, ein kühles Herz zu bewahren.
Bevor wir hier weiter über kulturlose, blöde Thais reden, möchte Carlos gerne an Ausgrabungen in Nordthailand erinnern, die den Schluss zulassen, dass es hier schon eine Hochkultur gab, als die Germanen noch auf ihren Bärenfellen hockten. Vielleicht lag hier sogar die Wiege der Kultur.
Wer bestimmt, wo es lang geht?
Klar, heute meinen viele Farangs, diesen ungebildeten Tölpeln haushoch überlegen zu sein. Wahrscheinlich sind sie es auch, denn sie haben das Geld und bestimmen, wo es lang geht.
Aber was stimmt denn an diesem Vorurteil? Sind die Thais, insbesondere die aus dem armen Nordosten, wirklich so dumm oder mangelt es ihnen nur an Bildung, an Ausbildung? Die Schulpflicht, die es seit einigen Jahren gibt, nützt überhaupt nichts, solange die Eltern nicht in der Lage sind, die Schulkleidung, den Schulbus und die Schulspeisung zu bezahlen. Ganz zu schweigen vom Niveau der schlecht bezahlten Dorfschullehrer. Und wenn diese Mädchen und Jungen dann in die Touristenzentren ziehen, um das notwendige Geld für die Familie zu verdienen, dann sind sie? Klar, die Isaan-Tussis und die Reis-Deppen, die von nichts eine Ahnung haben und zu blöde sind, um die einfachste Bestellung aufzunehmen und auszuführen.
Mich regt die Arroganz dieser Farangs auf, wenn ihre Wünsche und Bestellungen nicht schnell genug und korrekt erfüllt werden.
Wie soll Noi, die bis vor drei Monaten noch auf dem Reisfeld ihrer Eltern gearbeitet hat, denn wissen, was ein „Whisky on the rocks“ ist oder wie ein Pernod serviert wird? Über diese Frage sollten die ungeduldigen Farangs vielleicht mal einen Augenblick nachdenken, bevor sie wieder über diese doofen Thais herziehen. Warum bestellt der angeblich so gebildete Farang seinen Drink denn nicht auf thailändisch? Das ist die Sprache dieses Landes. Die hätte Noi verstanden. Aber welcher Farang spricht schon Thai? Wahrscheinlich ist er zu faul und zu bequem, vielleicht auch zu dumm, um diese Sprache zu lernen.
Die Farangs, von denen hier die Rede ist, machen es sich gewöhnlich einfach. Sie meinen, die Thais wollen unser Geld, und deshalb sollen sie sich gefälligst auch darum bemühen, uns zu verstehen. Easy – oder?
Viele meiner verehrten Landsleute aus Europa glauben wirklich, weil sie zufällig in Europa geboren wurden, wo ihnen alle Bildungseinrichtungen kostenlos zur Verfügung standen, sind sie ein kulturelles Highlight, auch wenn es häufig genug über „Bild“-Standard nicht hinausreicht. In jeder Bar sind sie anzutreffen, sie kennen alles, sie können alles und sie wissen alles, aber besser, viel besser!
Dabei gibt es so vieles, was wir von den Thais lernen könnten:
Zum Beispiel bei einem Blick auf ihre alten Thaihäuser. Die sind den klimatischen Bedingungen so hervorragend angepasst, dass kein westlicher Architekt es besser machen könnte.
Aber dann kamen die Farangs mit ihren Beton-Silos.
Gesunde Ernährung gegen fettige Burger
Über viele Jahrhunderte ernährten die Thais sich perfekt: Reis, Gemüse, Fleisch und Fisch hielten das Volk gesund.
Aber dann kamen die Farangs mit ihren Big-Macs und Fritten. Heute sind fast ein Drittel aller Thais deshalb übergewichtig.
Früher spielte sich das Leben der Thais in überschaubaren Dorfgemeinschaften ab, wo jeder für den anderen einstand.
Aber dann kamen die Amis und die Touristen – was dann passierte ist bekannt…
Carlos ist die Überheblichkeit der Farangs schon lange leid. Ebenso wie er einen Wai für hygienischer als einen Händedruck hält, erscheint ihm das Lächeln der Thais, mit dem sie alle Konflikte überspielen, als eine geniale Form im persönlichen Umgang.
Wir müssten schon unseren Hochmut ablegen und hierzulande von der Perfektion unserer Heimat ein wenig Abstand nehmen. Auch Thailand ist ein Kulturland, und selbst der letzte Kellner, das letzte Bar-Mädchen verfügt über eine alte, verehrungswürdige Kultur, von der wir kaum einen Schimmer haben. Das sollten wir uns gelegentlich vor Augen führen.
Und wenn uns dann wieder die Leichtigkeit der exotischen neuen Heimat überfällt, wenn wir uns daran erinnern, dass wir eigentlich hier sind, weil es hier nicht immer so hundertprozentig klappt, weil hier nicht alles preußisch-perfekt organisiert ist, weil es hier lässiger und zwangloser zugeht, dann wäre es vielleicht angebracht, unsere Deutsch-Tussis und Bier-Deppen am Nachbartisch, wenn sie wieder einmal lospoltern, darauf hinzuweisen, dass sie hier Gäste sind und keine Kolonialherren. Carlos weiß, das ist alles leichter gesagt als getan, denn auch er verzweifelt manchmal, nach zwanzig Jahren noch, an seiner Putzfrau, die versucht, mit dem Staubsauger seinen Kühlschrank von innen zu reinigen…
Trotzdem meint er: Nirgendwo auf der Welt möchte er lieber leben als hier in Thailand.
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