Phnom Penh – eine Stadt erfindet sich neu
Spannendes Leben nach den dunklen Jahren der Roten Khmer
Phnom Penh ist eine der spannendsten Städte Südostasiens und sicher diejenige mit dem entspanntesten Lebensstil. Nach den dunklen Jahren von Krieg, Roten Khmer und Bürgerkrieg ist Kambodschas königliche Hauptstadt zu neuem Leben erwacht. Die Stadt am Zusammenfluss der drei Flüsse Tonle Sap, Mekong und Bassac ist quirlig, der Verkehr ist mörderisch, aber trotz all der Bewegung zieht das Leben gemächlich, mindestens einen Gang langsamer dahin als in Bangkok oder Singapur. Kambodschas Hauptstadt ist aber auch ein Ort, der kreative und unternehmungslustige Khmer wie Expats inspiriert.
Spaziergang an der Uferpromenade
Am besten erlebt man den Lebensstil Phnom Penhs an einem Sonntagnachmittag am Sisowat Quay, der Uferpromenade entlang der Flüsse Tonle Sap und Mekong. Tuk-Tuk-Fahrer Pov sagt: „Sonntags treffe ich mich mit meinen Freunden. Wir sitzen am Fluss, unterhalten uns, schauen den anderen Leuten zu, wie sie auf ihren Mopeds vorbeifahren oder spazieren gehen.“ Arbeiterinnen aus den Textilfabriken am Stadtrand ziehen an ihrem einzigen freien Tag kichernd mit ihren Kolleginnen durch die Stadt. Familien picknicken auf bunten Strohmatten auf dem Rasen. Liebespaare sitzen knutschend auf der Ufermauer. Junge Burschen vergnügen sich im Schein der langsam untergehenden Sonne mit Ballspielen. Fliegende Händler bieten quietschbunte Luftballons feil. Andere verkaufen Snacks, wie geröstete Käfer oder gegrillte Schlangen.

In den Straßencafés in den alten französischen Kolonialhäusern gegenüber der Flaniermeile sitzen in bequemen Rattansesseln Touristen und Expats und beobachten das bunte Treiben bei einem Latte oder einem Anchor Bier. Die beste Aussicht über den Fluss und die Uferpromenade mit den bunten Flaggen fast aller Länder dieser Welt genießt man aber immer noch von den Balustraden des „Foreign Correspondents Club“, allenthalben kurz FCC genannt, der entgegen seines Namens seit den Tagen der UN-Friedenstruppe, Anfang der 1990er Jahre, Phnom Penhs berühmteste Kneipe ist, in der Generationen von Journalisten, NGO-Mitarbeitern, Geheimdienstleuten und Diplomaten den Tresen bevölkert haben.
Wohl kaum anderswo in Südostasien ist die Bar,- Café- und Restaurantszene so vielfältig wie in Phnom Penh. Das hat einen ganz einfachen Grund: mit der Ausnahme der Hühnerbraterei KFC ist noch keine der internationalen Gastronomieketten in Phnom Penh angekommen. Starbucks, McDonald`s oder Dunkin Donuts sucht man vergeblich. Also griffen westliche Expats zur Selbsthilfe und eröffneten Lokale, die Vielfalt statt des in anderen asiatischen Großstädten üblichen „Same, same“ bieten. Die Flammkuchen im „Art Café“ sind ausgezeichnet; wer auf Kaffee und Kuchen steht, ist im „The Shop“ in der Straße 242 an der richtigen Adresse; asiatische Fusion-Küche steht im supercoolen „Chow“ im Quay Hotel auf der Karte; Seafood zu guten Preisen und mit mediterranem Touch ist die Spezialität des „Ocean“; authentisches Khmer-Essen ist das Markenzeichen des „Frizz“.
Die besten Grillwürstchen mit Kartoffelsalat brutzeln jeden Tag – außer montags – auf der Dachterrasse des Kulturzentrums „Meta House“, das der Berliner TV-Journalist Nico Mesterharm gegründet hat. Die Bratwürste werden für die Besucher gegrillt, die zu den abendlichen Filmvorführungen auf der Dachterrasse mit der grandiosen Aussicht auf Wat Botum, den Königspalast, das Denkmal zum höheren Lob der unverbrüchlichen Völkerfreundschaft zwischen Vietnam und Kambodscha und das Naga Hotel samt Kasino. Gezeigt werden Dokumentarfilme, aktuelle Blockbuster oder auch thematische Filmreihen, aber das Meta House ist auch eine Kunstgalerie und beherbergt seit vergangenem Jahr die Sprachschule des Goethe-Instituts.

Das Meta House oder auch das Centre Culturel Français verstehen sich aber nicht in erster Linie als Oase für Expats auf Kulturturkey, sondern als Forum, auf dem junge Khmer ihre Filme, Bilder, Fotos, eben ihre Kunst präsentieren können. Auch Kambodschas Kunst- und Kulturszene war durch den Krieg und vor allem durch die Roten Khmer, die Künstler und Intellektuelle als Feinde des Volkes ermordeten, fast verschwunden. Langsam beginnt das Königreich jetzt sich selbst wiederzuentdecken, an alte Traditionen anzuknüpfen und gleichzeitig in die Zukunft zu schauen, nach der langen Zeit der Isolierung wieder offen sein zu können für Ideen, Stile, Kunst aus anderen Kulturen.
Auch im Medienbereich bietet Phnom Penh Pionieren ein weites Feld. Längst ist die Tageszeitung „Cambodia Daily“, der Legende nach eine CIA-Gründung, nicht mehr der englischsprachige Medienmonopolist in Phnom Penh. Neben dem monatlichen Travel- und Lifestylemagazin „Asia Life“ und den praktischen Führern durch Phnom Penhs Bar- und Restaurantszene „Cambodia Pocket Guide“ ist das Monatsmagazin „Southeast Asia Globe“ des Deutschen Tassilo Brinzer die ambitionierteste Medienunternehmung in Kambodscha.

Bunte Vögel
Das Dach des Meta House ist auch ein Kontakthof, auf dem sich allabendlich viele der spannenden Charaktere zu Bier und Bratwurst einfinden, die in Phnom Penh leben. Manche sind neue Expats, andere leben schon Jahrzehnte in Indochina. Zu den Neulingen gehört zum Beispiel der Pfälzer Musiker Anton Isselhardt, dessen jährliches „International Music Festival Phnom Penh“ inzwischen weit über Kambodscha hinaus einen guten Namen hat. Tim Page hingegen ist Fotoreporter, der seit den Tagen des Vietnamkriegs in Südostasien arbeitet und der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das Schicksal seines besten Freunds und Reporterkollegen Sean Flynn aufzuklären. Der Sohn des Hollywoodschauspielers Errol Flynn ist im Krieg verschollen. An seinem Tod besteht kein Zweifel. Aber Page will genau wissen, wie sein bester Freund ums Leben gekommen ist, ob und von wem er umgebracht wurde, wo er gestorben und begraben ist.
Zu den „bunten Vögeln“, die es nach Phnom Penh verschlagen hat, gehört auch Stefanie Irmer. Die Spezialität der Berlinerin vom Prenzlauer Berg sind die „Khmer Architecture Tours“. Unter sachkundiger Führung junger kambodschanischer Architekturstudenten geht es mit Rikschas, die Phnom Penh Cyclos heißen, zu den architektonischen Schmuckstücken Phnom Penhs. Irmer sagt, die einzige Chance, die alten Häuser doch noch zu retten, seien die angehenden Architekten. „Das sind die Stadtplaner der Zukunft.“

Alt und neu
1952 wird Kambodscha nach gut hundertjähriger Kolonialherrschaft der Franzosen unabhängig. Als äußeres Zeichen von Aufbruch und Neubeginn will Kambodschas König Sihanouk das von französischer Kolonialarchitektur geprägte Phnom Penh in eine moderne urbane Metropole im Stil der neuen Zeit verwandeln und betraute 1956 den damals gerade 30 Jahre alten kambodschanischen Architekten und Le-Corbusier-Schüler Vann Molvyann mit dem Traumjob eines jeden Architekten. Vann Molvyann verwandelte Phnom Penh in eine Perle der „Neuen Khmer-Architektur“, die Bauhaus und Art Deco mit den Traditionen von Angkor verbindet.
Viele Kambodschaner tun es ihrem eigenwilligen Herrscher Sihanouk nach und lassen sich von jungen Architekten moderne Häuser im Stil der Neuen Khmer-Architektur bauen. Einer davon ist Riths Vater, ein wohlhabender Apotheker, der seiner Familie 1965 ein schmuckes Haus mit den klaren Linien der 60er-Jahre-Architektur baute. Das Glück im neuen Heim sollte nur kurz währen. Erst gerät Kambodscha in den Strudel des Vietnamkriegs und dann übernehmen 1975 die kommunistischen Roten Khmer die Herrschaft. „Wir mussten das Haus verlassen und wurden wie alle anderen in Phnom Penh aufs Land vertrieben“, erinnert sich Rith, damals fünf Jahre alt.
Heute gelten diese Häuser als alt, altmodisch und sind zum Abriss freigegeben, um Platz zu schaffen für das neue Phnom Penh der Hochhäuser und der Luxuswohnviertel, ungeachtet der Zweifel von Experten, dass es dafür im armen Kambodscha tatsächlich einen Markt gibt. Für das kontroverseste Megabauprojekt in Phnom Penh wird mitten in der Stadt der Boeung-Kak-See zugeschüttet, und die 40.000 Anwohner des Sees werden zwangsumgesiedelt. „Wir machen den gleichen Fehler wie Singapur und Bangkok“, kritisiert Rith.
Mit dem Segen der Familie und der Hilfe von Freunden hat Rith vor ein paar Jahren sein Elternhaus zum Boutiquehotel „Frangipani“ umgebaut, um zu zeigen, dass die urbane Architektur aus der „Goldenen Ära“ Phnom Penhs erhaltenswert ist und auch profitabel genutzt werden kann. Der Erfolg gibt Rith und seinen drei Khmer-Partnern Recht. Nicht nur gibt es inzwischen ein „Frangipani 2“, sondern das Konzept des Umbaus alter Stadthäuser und Villen zu Boutiquehotels hat begeisterte Nachahmer gefunden.
Und wie steht es mit dem Nachtleben in Phnom Penh? Bestens. Das legendäre „Heart of Darkness“ ist Kult. Die Parties mit Techno- und House-Djs im „Le Croisette“ gehören zu den populärsten Veranstaltungen. Abtanzen bis tief in die Nacht ist auf dem Disco-Boot „Pontoon“ auf dem Fluss Bassac angesagt. Die Drag Shows, die jeden Freitag und Samstag über den Tresen von Phnom Penhs angesagtester Schwulenkneipe „Blue Chilli“ gehen, sind so frech wie das Motto der Bar um die Ecke des Königspalastes: „There's more than one Queen in Cambodia.“
Michael Lenz
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