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Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
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Mit „Inglorious Bastards“-Star in der Dschungelschule

Orang-Utan-Auswilderungscamp auf Sumatra

Melanie Laurent, Star aus „Inglorious Bastards”, erweist ihrem ersten Orang Utan mit Handkuss die Ehre. Fröhlich hängt Pinki in gut acht Metern Höhe mit beiden Armen an einem Ast, schaukelt ein wenig hin und her, dann spreizt das junge Orang-Utan-Mädchen die Beine - und pinkelt wohlgemut. Melanie Laurent stößt einen spitzen Schrei aus. Um Haaresbreite wäre die „Shoshanna Dreyfus” aus „Inglorious Bastards“, gerade im Interview mit einem französischen Fernsehteam, von der Affenpisse getroffen worden.

Als frischgebackene Unterstützerin von Greenpeace ist die Französin auf Blitzbesuch in das Orang-Utan-Auswilderungscamp der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt im tiefsten Dschungel am Rande des Bukit Tigapuluh-Nationalparks in der Provinz Jambi im Süden Sumatras gekommen. Der Hubschrauber, mit dem der Filmstar von einem Greenpeace-Aktionscamp in einem anderen Teil Sumatras einfliegt, landet auf einem Sportplatz in einem Dorf in der Nähe von Bukit Tigapuluh.

Abenteuerliche Anfahrt

Niemand aber hatte offenbar Laurent gesagt, dass „in der Nähe von“ auf Sumatra eine andere Bedeutung hat als im urbanen Paris. Gut drei Stunden Autofahrt über Straßen mit Schlaglöchern und unbefestigte Waldpisten muss Laurent missmutig in Kauf nehmen, bevor die 26-Jährige im Urwald mit Orang Utans vor der Kamera posieren kann. Für die letzten zwölf Kilometer zu Indonesiens einzigem Auswilderungsprojekt muss die blonde Frau im T-Shirt und braunen Leggings gar in einen Jeep umsteigen.

Gut eine Stunde dauert die abenteuerliche Fahrt durch den Dschungel, in dem Elefanten, Tapire, Malaienbären und die letzten Sumatratiger leben. Immer wieder kommt das Geländefahrzeug auf dem vom Monsunregen aufgeweichten Forstweg ins Schlingern, gelblicher Schlamm spritzt in den Wagen, die beiden Baumstämme als „Brücke“ über einen Bach sind so glitschig und morsch, dass der Fahrer Laurent und ihren Tross aus Kameramann, Fotograf und Greenpeaceaktivisten bittet, auszusteigen. „Sicherheit hat Vorrang“, sagt er mit einem freundlichen Lächeln. Laurent ist not amused.

Aber die Strapazen sind wie verflogen, als Laurent endlich ihrem ersten Orang Utan die Hand schütteln kann. Peter Pratje, der vor elf Jahren die Orang-Utan-Auswilderungsstation aufgebaut hat und seit-dem fast ununterbrochen dort lebt, sieht allerdings den vertraulichen Kontakt zwischen Mensch und Menschenaffe nicht gerne. Immerhin ist es ja Zweck des Projekts, Orang Utans, die als Haustiere oder als Spaßaffen auf Märkten gehalten wurden, vom Menschen zu entwöhnen und auf ein Leben in der wilden Freiheit im Wald vorzubereiten. 17 Tiere bereitet Pratje gerade auf das Auswildern vor.

Zu dem Zweck gehen die Tiere in die „Dschungel-Schule“. Zu Laurents Besuch holen Peter Pratje und seine Mitarbeiter Pinki, Violett und Onki aus dem riesigen Käfig und lassen sie im dichten Grün des letzten Tieflandregenwalds Sumatras toben. Die Affen müssen alles lernen. Sogar klettern. „Am Anfang kommt es immer wieder vor, dass ein Orang Utan vom Baum fällt“, sagt der Wildtierbiologe, und wie bestellt plumpst genau in diesem Augenblick Onki aus lichter Höhe zu Boden. Der junge Bursche schaut verdutzt, ist aber schwuppdiwupp wieder auf den Beinen und klettert behände zurück auf seinen Baum. „Sie stürzen ab, weil sie in Gefangenschaft nicht lernen konnten einzuschätzen, ob ein Ast stark genug ist, ihr Gewicht zu tragen“, erklärt Pratje.

Dschungelschule

Eine neue Erfahrung ist für die größtenteils von Früchten lebenden Orang Utans auch, dass sie im Wald selbst Futter suchen müssen. Aber letztlich lernen die Orang Utans die grenzenlose Freiheit im Wald schätzen und ziehen freiwillig aus dem Käfig in die Baumkronen um. „Der Affe entscheidet, wann er im Wald leben will, nicht wir“ betont Pratje, der schon 108 Tiere erfolgreich ausgewildert hat. Allerdings, so grenzenlos sind Sumatras Wälder nicht mehr. Im Gegenteil, sie werden immer kleiner, und die Orang Utans verlieren ihren Lebensraum. Schätzungsweise nur noch 6000 wild lebende Orang Utans gibt es noch in Sumatras Wäldern, die einst eine Hochburg der „Waldmenschen“ mit dem orange-roten Fell waren. „Neunzig Prozent der Regenwälder Sumatras sind bereits abgeholzt worden“, sagt Pratje traurig.

Fast wäre auch das Waldgebiet rund um die Orang-Utan-Station der Säge zum Opfer gefallen. In einer überraschenden Entscheidung hatte jedoch das Forstministerium in Jakarta aber nur wenige Tage vor dem Promibesuch den Antrag des Papierkonzerns „Asia Pulp & Paper“ (APP) abgelehnt, einen weiteren Teil des Waldes von Bukit Tigapuluh in Plantagen umzuwandeln. Auf über 700.000 Hektar hat APP in Jambi bereits Regenwald durch Plantagen mit Baumarten wie Eukalyptus und Acacia ersetzt, die schnell wachsen und somit schnell für die Papierproduktion gefällt werden können. Die vorläufige Rettung der Orang-Utan-Station ist jedoch nur ein Etappensieg. Die Abholzung der Sumatrawälder geht weiter. Das zeigen in brutaler Deutlichkeit die schweren Holztransporter, die in schier endlosen Kolonnen über die Straßen Jambis zu den Papierfabriken rollen, wo die Baumstämme zu Pappe und Papiertüten verarbeitet werden.

Aber die Zeiten für APP und Konsorten werden härter. Immer mehr große Unternehmen, wie das Bekleidungsunternehmen H&M oder Fuji Xerox kündigen ihre Verträge mit APP und beziehen ihre Papiertüten aus nachhaltiger Produktion. Das stimmt Melanie Laurent froh und lässt sie nach dem affigen Rendezvous die 250 Kilometer lange, über sechs Stunden dauernde nächtliche Autofahrt zum Hotel in Jambi-Stadt leichter ertragen.

Michael Lenz



 
 
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