Raus aus dem Teufelskreis
Am Rande von Pattaya finden Straßenkinder ein Zuhause
Viele von den Kindern
haben Dinge erlebt, über
die möchte man besser gar
nicht nachdenken.“ Fredy Käser
spricht diesen Satz und schaut
für einen Moment sehr ernst.
Schnell huscht jedoch wieder
ein Lächeln über das Gesicht
des großen, hageren Mannes
mit dem grauen Schnauzbart.
Zwei kleine Mädchen laufen
vorbei, sie grüßen höflich,
wirken glücklich. „Die meisten
erfahren hier zum ersten Mal
in ihrem Leben so etwas wie
Zuwendung und Geborgenheit.
Das nimmt man sehr schnell
wahr.“ Tatsächlich gewinnt man
beim Besuch des vom Child
Protection und Development
Center (CPDC) erbauten Heims
für Straßenkinder am Rande
Pattayas den Eindruck, als wenn
den derzeit etwa 30 hier lebenden
Kindern ein echtes Zuhause
geschaffen wurde.
Jene Zuflüchte für die
Schwächsten der Gesellschaft
sind besonders in Pattaya
dringend notwendig. Offizielle
Zahlen zu obdachlosen Kindern
in der Touristenmetropole
gibt es zwar nicht, aber seit
Jahren in der Szene arbeitende
Streetworker berichten immer
wieder von einer verheerenden
Dunkelziffer. Das Muster ist
fast immer ähnlich: Die Kinder
erfahren in ihren Familien ein
hohes Maß an Gewalt, oft auch
Missbrauch, und sehen ihren
einzigen Ausweg im Davonlaufen.
So landen sie auf den
Straßen Pattayas, sind in jungem
Alter bereits völlig auf sich allein
gestellt. Die Wirtschaft und
damit der Wohlstand sind in
Pattaya in den letzten Dekaden
zwar stetig gewachsen, sozial
benachteiligte Gruppen spüren
davon allerdings kaum etwas.
So sucht man effektive und
staatlich nachhaltig geförderte
Programme zum Schutz und
zur Förderung von Kindern in
Not vergeblich.
Für die Betroffenen geht es
tagtäglich ums Überleben. Die
kriminelle Karriere ist vorprogrammiert.
Traurige Wahrheit
ist ebenso, dass die Schwelle
zur Prostitution an einem Ort
wie Pattaya auch für Kinder
und Jugendliche sehr leicht
zu überschreiten ist. Primitive
Drogen zum Vergessen und
Verdrängen sind nicht selten
die nächste Station in diesem
Teufelskreis.
Lange Zeit gab es niemanden,
an den sich die Straßenkinder
wenden konnten – bis der
gelernte Erzieher Supagon Noja
aktiv wurde. Sein erster Gedanke
war simpel: Irgendwo wollte er
einen geschützten Platz finden,
auf dem er ein Holzhaus errichten
und dort Kinder unterbringen
konnte. Dieser Plan sprach
sich unter den Straßenkindern
Pattayas herum wie ein Lauffeuer.
Die ersten Kinder folgten
ihm noch bevor er überhaupt
mit dem Bau des Hauses beginnen
konnte. Die obdachlosen
Jungen und Mädchen aber zu
vertrösten kam dem Streetworker
nicht in den Sinn –
notdürftig wurden zwei Zelte
auf einem mit Schlamm
überzogenen Platz errichtet. Da
nach und nach immer mehr
Kinder nach Noja und seinem
Projekt fragten, bat dieser seine
beiden Schweizer Freunde Birgit und Egbert Scherer um Hilfe –
zu Dritt stellten sie schließlich
das Anfangskapital aus eigener
Tasche. Dank weiterer Spenden
konnten zunächst einfache
Baracken, später fünf
Holzblockhäuser für die
Kinder errichtet werden.
Vier
der Häuser dienen als
Schlafplätze, im Gemein-schaftshaus wird gemeinsam
gegessen und gebetet.
Inzwischen ist es durch weitere
private Zuwendungen, die
Unterstützung der Deutschen
und Schweizerischen Botschaft
und des Deutschen Hilfsvereins
(siehe Box) gelungen, drei weitere
Betonhäuser zu errichten, die
inzwischen bezugsfertig sind.
Ohne private Spenden und
ehrenamtliches Engagement
wäre all dies nie möglich gewesen.
Oder anders formuliert:
Man braucht Menschen wie
Fredy Käser. Der Schweizer
lebt seit vielen Jahren in Thailand
und unterstützt das Child
Protection and Development
Center wo es nur geht: „Manchmal
bringe ich ein paar Säcke
Reis vorbei, manchmal Kleidung
oder Decken. Es wird hier
jeden Tag so vieles benötigt.
Schließlich läuft das gesamte
Projekt ausschließlich über
Spenden.“ Nebenbei ist Käser
in jeder freien Minute unterwegs,
um neue Unterstützer
zu gewinnen, schreibt Firmen
in der Schweiz an, organisiert
Wohltätigkeitskonzerte und
informiert auf seiner Internetseite
über die Entwicklung des
Projekts. Dort finden sich auf
der Spendenliste sogar prominente
Namen wie der des
Schweizer Fußballidols Murat
Yakin oder die gesamte
Profimannschaft der Grashoppers
Zürich, die den Kindern
einmal einen kompletten Satz
Fußballtrikots stiftete.
Auch an diesem Tag haben
Fredy Käser und seine Frau
Malee eine Überraschung für
die von der Schule zurück kehrenden Kinder vorbereitet.
Ein großer Grill wird aufgebaut
und leckere Spieße vorbereitet: „Das ist ein echtes Highlight für
die Kinder. Fleisch gibt es hier
nicht so oft, meistens bestehen
die Mahlzeiten aus Reis mit ein
bisschen Gemüse.“ Nach und
nach trudeln die Jungen und
Mädchen ein, sie haben den
Grill schon von Weitem gerochen,
freuen sich, sind ausgelassen.
Es ist heiß und bevor
sie den schützenden Schatten
zum Essen aufsuchen, gehen
sich die Kinder nacheinander
waschen. Darauf hinweisen muss
sie keiner der drei Betreuer, die
hier mit den Kinder leben. „Das
ist in jeder Hinsicht so. Es gibt
keinerlei Probleme. Man muss
auch am Abend nicht kontrollieren,
wann sie ins Bett gehen.
Es würde auch keiner mit dem
Essen beginnen bevor gebetet
wurde. Hier hält sich jeder an
die Regeln“, erzählt Käser.
Bei der Frage, warum er
sich so sehr für die Kinder
engagiert, muss er nicht lange
nachdenken. Er deutet auf ein
junges Mädchen. „Als sie am
Anfang hierher kam, war sie
sehr verstört und ließ niemanden
außer Noja an sich
heran. Besonders zu den anderen
männlichen Betreuern und
mir hielt sie große Distanz.
Heute ist sie wie ausgewechselt.
Wenn sie mich jetzt sieht,
kommt sie auf mich zu und
lächelt. Solch eine Entwicklung
beobachten zu können, ist für
mich ein echtes Glück.“
Simon Grünke
Deutscher Hilfsverein
unterstützt das Projekt
Der Deutsche Hilfsverein
unterstützt den Bau von
neuen Unterkünften für
Straßenkinder durch das
Child Protection and Development
Center (Human
Help Network Foundation)
in Pattaya. Die Deutsche Botschaft
spendete bereits eine
Millionen Baht für den Bau
von zwei Häusern. Das dritte
Haus wurde von der Schweizerischen
Botschaft gesponsert.
Ziel dieser Initiative
ist es, den Kindern wieder
den Einstieg in ein normales
Leben zu ermöglichen, indem
sie die Schule besuchen und
auch für das tägliche Leben
lernen, wie zum Beispiel
selbst ihre Wäsche zu waschen
oder Hühner und Schweine
zu züchten. Später wird es
auf dem großen Grundstück
auch die Möglichkeit geben,
Gemüse selbst anzubauen.
Der Hilfsverein besichtigte
vor Kurzem den Fortschritt
der Bauarbeiten und Franziska
Chawla überreichte
dem Child Protection and
Development Center einen
Scheck in Höhe von 30.000
Baht sowie 36 Kaffeepötte
gespendet, von der Firma
Förch. Das Projekt benötigt
weitere Sach- und Geldspenden.
Beispielsweise soll
noch ein Zaun oder besser
eine Grenzmauer errichtet
werden, ein Grundwasserbrunnen
ist geplant, das
nötige Geld dazu fehlt jedoch
noch. Wer helfen möchte,
findet weitere Informationen
unter www.dhv-thailand.de.
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