Auf der Suche nach einer glücklichen Zukunft
Thailand blickt auf eine lange Geschichte des Wahrsagens zurück
Mönche und Wahrsager haben eines gemeinsam: Sie wagen einen Blick in die Zukunft und leisten einfühlsame Lebenshilfe. Denn Thais lassen sich vor allen wichtigen Entscheidungen beraten: Bei der Namensgebung ihres Babys, vor der Hochzeit, vor Investitionen, Reisen, dem Kauf eines Autos und dem Bau von Wohn- oder Geschäftshaus.
Die Ratsuchenden kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Arme und Reiche, Prominente und Lohnarbeiter, Politiker, Wirtschaftsführer, Hausfrauen, Schauspieler und Sänger – sie alle suchen Entscheidungshilfen. Auch der im Vorjahr vom Verfassungsgericht aus dem Amt gejagte kämpferische Ministerpräsident Samak Sundaravej hatte mehrfach einen berühmten Wahrsager aufgesucht, um sich die Langlebigkeit seiner Regierung bestätigen zu lassen.
„Fortune-teller“, die englische Bezeichnung für Wahrsager, haben ihre Stände an Hauptverkehrsstrassen, in Einkaufszentren und Kaufhäusern, auf Märkten, neben dem Grand Palace in Bangkok, ja selbst in Hotel-Lobbys. Vorwiegend sitzen sie aber in Tempeln, im Schatten der Bäume. Wer sich Zugang zu den Mysterien Asiens verschaffen möchte, kann in der Tradition des Wahrsagens aufschlussreiche Deutungen finden. Sie spielt im thailändischen Alltag eine wesentliche Rolle. Thais sind ständig auf der Suche nach den Besten aller Wahrsager.
Thailand blickt auf eine lange Geschichte des Wahrsagens und der Heilkunst zurück. Vieles wurde vor mehr als 2.500 Jahren von China und Indien kommend mit lokalem Wissen verbunden und erweitert. Die Heilkunst fusst auf einem tief verwurzelten Naturglauben, in dem Mystisches, Übernatürliches und Astrologisches sich in den Riten und Ritualen wiederfindet. Damals waren die Ärzte Heiler und Wahrsager wie die Mönche, Brahmanenpriester und Kräuterexperten.
Deshalb heisst das thailändische Wort für Wahrsager auch „mor doo“. Das bedeutet: Ein Doktor, der sehen kann. Wahrsager/innen, viele sind Frauen und legen Karten, beraten ihre Kunden gegen ein geringes Entgelt von 200 Baht auch als Psychiater und Allgemeinärzte bei kleineren medizinischen Problemen. Wichtig ist allen Ratsuchenden: Ihre Wahrsager versprechen gewöhnlich „chok dee“, eben Glück für die Zukunft.
Vielen Menschen, vor allem in westlichen Ländern, dient die Astrologie als Wahrsagemethode. Andere Formen sind u. a. die Handlesekunst, wobei die Handlinien gedeutet werden, die Kartomantie, die Zukunftsdeutung mit Hilfe besonderer Karten wie Tarotkarten, und die Nekromantie, die sich der Kommunikation mit den Geistern von Toten bedient.
Verschiedene Formen des Wahrsagens werden seit Jahrtausenden praktiziert. In früheren Gesellschaften war das Wahrsagen eine weit verbreitete Methode. Vor allem Herrscher suchten Rat. So hatten die Kaiser im alten China Hofastrologen und besondere Weissager. Im alten Rom gab es die Auguren, Priester, die die Zukunft anhand bestimmter Zeichen in der Natur deuteten. Die Griechen befragten Orakel, die angeblich mit den Göttern direkt in Verbindung standen und so von zukünftigen Ereignissen erfuhren.
In Thailand wagen die „Fortune-teller“ einen Blick in die Zukunft nach uraltem Astrologie-Wissen, dem chinesischen Kalender, körperlichen Merkmalen der Kunden, ihren medialen Fähigkeiten und mit Hilfe von Karten. Je nach der auf einer Tarotkarte abgebildeten Figur sagt der Wahrsager Unterschiedliches voraus: zu Ehe und Familie, Freunden, Gesundheit und Finanzen.
Das Forschungszentrum der Kasikorn-Bank beziffert den jährlichen Umsatz der Branche auf stattliche 2,55 Milliarden Baht. Sie zählt zu den wenigen Wirtschaftszweigen, die trotz Finanzkrise, drohender Rezession und innenpolitischer Spannungen wächst. Allerdings hat sich die Fragestellung der Kunden geändert. Während junge Leute nach wie vor Gutes über Liebe und Glück hören wollen, geht es älteren Ratsuchenden mehr um ihre berufliche Zukunft und ihr künftiges Einkommen. Nach Angaben des Forschungszentrums bilden Geschäftsleute, Büroangestellte und Hausfrauen das Gros der Kunden. Durchschnittlich geben sie für den Blick in die Zukunft 310 Baht aus.
Das einträgliche „Mor-doo-Geschäft“ hat landesweit bekannte, aber auch umstrittene Zukunftsdeuter hervorgebracht. So Sukrit „Mor Kit“ Patumsriwiroj. Er hat eine eigene TV-Sendung, ist ständig Gast anderer Shows und sieht sich einer Klage über 50 Millionen Baht Schadenersatz gegenüber. Der Wahrsager hatte einer prominenten Sängerin ein Baby angedichtet.
„Fortune-teller“ ist längst nicht mehr ausschliesslich eine persönliche Beratung. In Städten stehen Automaten, die gegen wenige Baht die Zukunft schriftlich ausspucken, Multi-Media-Unternehmen geben persönlichen Rat über Call-Center, Internet, via Webcam und Email.
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