Erinnerungen an eine Prinzessin
Die Stimmung unter den Tausenden Trauergästen ist wehmütig und bedrückt, als die goldene, mit Edelsteinen verzierte Urne mit den sterblichen Überresten der thailändischen Prinzessin Galyani Vadhana hoch oben auf dem goldenen, mit kleinen Spiegeln, Nagaschlangen und Garudas geschmückten Begräbniswagen platziert wird, dem Phra Maha Phichai Ratcharot. Nur der klagende Ton aus Hunderten von Muschelhörnern ist zu hören, als sich die Prozession vom Dusit Praha Masat Palast in Bangkok in Bewegung setzt, um zum Königsplatz Sanam Luang zu ziehen, dem traditionellen Kremierungsort der thailändischen Könige und ihrer engsten Familienmitglieder.
Prinzessin Galyani war schon am 2. Januar dieses Jahres in einem Krankenhaus in Bangkok im Alter von 84 Jahren an Krebs verstorben. Die übliche Trauerperiode von einhundert Tagen aber musste verlängert werden, um Zeit für die Vorbereitung des königlichen Staatsbegräbnisses nach 500 Jahre alten, hinduistisch-brahmanischen Riten zu haben. Auf Sanam Luang musste die Kremierungspagode, Phra Men, gebaut werden, die umgeben ist von ebenfalls extra gebauten Pavillons für die königliche Familie und die Trauergäste.
Hunderttausende Thais sind nach Sanam Luang auf der Rattanakosin Insel, dem historischen Zentrum Bangkoks mit dem Königspalast und den goldenen Tempeln gekommen, um ihrer Prinzessin die letzte Ehre zu erweisen und mit ihrem hochverehrten König Bhumipol Adulyadej zu trauern. Der König und die Prinzessin standen sich sehr nahe. In dem Dekret, mit dem der König vor fast zwei Jahrzehnten seine Schwester in den höchsten Adelsstand erhob, hieß es, die Prinzessin habe mit dem König „seit den frühen Jahren die Freuden und Sorgen des Lebens geteilt“ und ihn „immer unterstützt“. Der Monarch, der 9. Rama aus der Chakrie-Dynastie, hatte an diesem Samstag die traurige Aufgabe, zum zweiten Mal in seinem langen Leben für ein Geschwister die Kremierungsriten zu vollziehen. 1946 musste er seinen Bruder und Vorgänger, König Ananda Mahidol, zur letzten Ruhe betten. Jetzt also musste der König für seine vier Jahre ältere Schwester, die 1923 in London unter dem Namen May das Licht der Welt erblickte, die Kremierungsriten vollziehen.
Schwarz hat die Königsfarbe Gelb ersetzt. Die Menschen auf Sanam Luang sind ganz in Schwarz gekleidet. Schwarz ist in diesen Tagen auch die dominierende Farbe in der Stadt. Verkäuferinnen wie Kunden in Bangkoks edelster Shopping Mall Siam Paragon tragen ebenso Schwarz wie viele Händler auf dem Chatuchak Markt. Kein anderes Volk verehrt seinen Monarchen und seine königliche Familie so sehr wie die Thais. Das gilt erst recht in diesen Zeiten der unwägbaren politischen Zukunft des Landes. Die Hoffnung, die Begräbnisfeierlichkeiten könnten eine Gelegenheit zur Reflektion und zur Überwindung der politischen Spaltung bieten, scheinen vergeblich zu sein.
Prinzessin Galyani Vadhana war ihr ganzes Leben lang ein Symbol für eine Monarchie, die über der Politik und Parteien steht. Die Prinzessin war eine engagierte Aktivistin für die Umwelt; sie nutzte ihre prominente Position, um das Leben der Armen zu verbessern; sie führte die Gesundheitsprojekte weiter, die ihr Vater, Prinz Mahidol Adulyadej von Songkhla (ein studierter Mediziner) und ihre Mutter, Prinzessin Srinagarindra Boromrajajonani, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begonnen hatten; sie war eine leidenschaftliche Förderin von sowohl thailändischer wie westlicher Kunst, Kultur und Musik.
Der deutsche Geschäftsmann Karl Morsbach hat Prinzessin Galyani als eine sehr bodenständige Frau erlebt. Vor ein paar Jahren hatte der deutsche Botschafter Andreas von Stechow ein Benefizkonzert im vornehmen Oriental Hotel in Bangkok für das Dorf „Baan Gerda“ für HIV-positive Waisenkinder organisiert, das Morsbach gegründet hat. Die Prinzessin war als Ehrengast bei dem Konzert anwesend. Karl Morsbach erinnert sich: „Bei dem Galadiner nach dem Konzert saßen meine Frau und ich mit Prinzessin Galyani an einem Tisch. Sie hat es uns einfach gemacht und uns die Scheu vor einer Königlichen Hoheit genommen. Sie war eine charmante, intelligente, selbstsichere, liebenswürdige, bescheidene Frau.”
Narisa Chakrabongse, Verlegerin Bücher über Kunst, Kultur und Geschichte Thailands, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Trauerfeier ihrer Kusine Prinzessin Galyani teilnehmen. Mit der Prinzessin hat sie außer der verwandtschaftlichen Beziehung das Engagement zum Umweltschutz verbunden. Chakrabongse ist Gründerin und Präsidentin der thailändischen Umweltorganisation „Green World Foundation“, die junge Thais über die Bedeutung des Schutzes der Umwelt aufklärt.
Was die Schwester von zwei Königen aber am meisten liebte, war ihre Arbeit als Dozentin. Die in ihrer Kindheit und Jugend in den USA, Deutschland, Großbritannien und vor allem in der Schweiz aufgewachsene Prinzessin hatte an Schweizer Universitäten Diplome als Chemikerin und Sozialpädagogik erworben und darüber hinaus Philosophie und Sprachen studiert. In Bangkok nahm sie eine Stelle als Dozentin an der Thammasat Universität an, wo sie Französisch und französische Literatur unterrichtete und Leiterin des Fachbereichs für ausländische Sprachen war. „Prinzessin Galyani war eine bodenständige Frau“, erinnert sich Ajarn Chirapan, eine pensionierte Dozentin der Thammasat-Universität und ehemalige Kollegin der Prinzessin. „Sie hat hart gearbeitet, härter als viele von uns.”
Als die Verpflichtungen als Mitglied des Königshauses immer zahlreicher wurden, gab Prinzessin Galyani Vadhana schweren Herzens ihre Dozententätigkeit auf. Ich selbst hatte die Ehre, sie bei einer ihrer Verpflichtungen aus nächster Nähe erleben zu dürfen. Das war im September 2005, beim Endspiel des Königlichen Elefantenpoloturniers in Hua Hin. Obwohl bei jedem der früheren Turniere ein Abgesandter des Königs zur Überreichung der Siegestrophäen gekommen war, war die Prinzessin das erste Mitglied der königlichen Familie, die das Elefantenpolo mit ihrer Anwesenheit beehrte. Sie wirkte auf mich gar nicht glamourös, so wie man das von einer königlichen Hoheit erwarten würde. Im Gegenteil, Prinzessin Galyani machte eher einen „down to earth“-Eindruck und ließ die Vermutung aufkommen, sie wäre lieber auf dem staubigen Platz auf dem Gelände einer Kaserne auf Tuchfühlung mit den Elefanten gegangen, als aus der gebührenden protokollarischen Distanz der Ehrenloge aus das Geschehen zu beobachten.
Nopadom ist ein 31 Jahre alter Bauer aus der Provinz Kanchanaburi. Er ist eigens nach Bangkok gereist, um der verstorbenen Prinzessin die letzte Ehre zu erweisen. Aber er sagt auch: „Für mich ist sie noch immer am Leben. Sie mag nicht mehr hier sein. Aber für mich ist das so, als sei sie nur auf einer langen Reise zu einem weit entfernten Ort.“ Für viele Thais, die ein karges Leben auf dem Land führen oder in der harten Ellbogengesellschaft in den Städten zu überleben versuchen, repräsentierte die Prinzessin all diese Züge, die sie bei ihren Regierungen oft vermissen: Liebe, Güte und Mitgefühl.
Von Michael Lenz
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