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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Eine Frau, die nicht lernen konnte

In einem Dorf im Norden lebte einst ein junges Mädchen namens Kaeo Ta, Augenstern. Ihre Arbeit war es, Wäsche zu waschen. Damit ernährte sie ihre Mutter und sich selbst und hatte darin ihr Genüge.

Kaeo Ta war fleissig. Wenn sie ihre Arbeit als Wäscherin getan hatte, kümmerte sie sich um die Schweine und Hühner, die sie grosszog. Wenn sie ausgewachsen waren, nahm sie die Tiere mit in die Stadt und verkaufte sie auf dem Markt. Weil sie so fleissig war, machten ihr viele junge Männer, auch nicht mehr ganz junge, den Hof, bewarben sich um sie und begehrten sie zur Frau. An Freunden, die ihr bei der Arbeit halfen oder auch zuschauten, fehlte es nie.

Unter ihren Verehrern war einer, der ausgesprochen faul und arbeitsscheu war. Immerzu war er auf der Suche nach einer Betätigung, von der er sich auch ohne Arbeit ernähren könnte. Er ging mit Kaeo Ta freundschaftlich um, und sie mochte ihn auch. Sie suchten und fanden einander in gleichem Begehren. Die Mutter, Kham Mun, mochte ihrer Tochter den Umgang verbieten, soviel sie wollte, Kaeo Ta hörte nicht zu und gehorchte ihrer Mutter nicht.

Natürlich war es Kaeo Ta nicht entgangen, wie wenig Staat sie mit ihrem Liebhaber vor den Geschwistern und Verwandten machen konnte. Sie redete ihm also gut zu, damit er aufhöre, wie ein Nichtsnutz zu leben. Vielmehr solle er sich eine Arbeit suchen, auf deren Früchten sie später ihr Glück aufbauen könnten.

Der Mann hörte die Vorstellungen seiner Geliebten ruhig an, erbat sich dann Urlaub von ihr und machte sich auf den Weg in die Hauptstadt. Er sagte, dort wolle er sein Glück versuchen. Als gemachter Mann werde er wiederkommen.

Aber ach, unsere Gewohnheiten können wir Menschen nur schwer oder gar nicht ändern. Als er in der Hauptstadt war, sah er dort die Menschen in ihren schönen und vornehmen Gewändern. Er dachte, als Knecht oder Lohnarbeiter könnte er es nie zu so reicher Kleidung bringen. Also suchte er nach einer Beschäftigung, die ihn keine Anstrengung kosten würde, aber so konnte er auch nichts verdienen, und nach sechs oder sieben Monaten gab er es auf.

Er kehrte in seine Heimat zurück. Seiner Geliebten machte er weis, nun sei er reich, habe Silber und Gold genug, jetzt könnten sie Mann und Frau werden. Kaeo Ta war schnell einig mit ihm, und sie heirateten.

Als sie drei oder vier Monate zusammen gespeist und gewohnt hatten und der Mann in dieser Zeit auch nicht ein einziges Mal zur Arbeit gegangen war, fing die Frau an zu hadern, sie stellte Fragen und verbarg ihre Unzufriedenheit nicht. Aber was sollte sie tun, geduldig musste sie ihr Schicksal tragen. Wenn Verwandte oder Freunde sich erkundigten, antwortete sie, ihr Mann wolle den Rest des Jahres ruhen.

Ein Jahr war fast vergangen, da gebar Kaeo Ta einen Sohn. Nun konnte der Mann nicht mehr untätig herumsitzen oder ausgestreckt daliegen und warten, dass seine Frau ihn immerzu nur bediente. Er wollte fort. Zu seiner Frau sagte er, er werde sich wieder eine Arbeit suchen. Darum solle sie ihre Schweine und Hühner verkaufen. Mit diesem Kapital werde er ein Geschäft eröffnen, damit sie vor ihren Freunden bald als reiche Leute dastünden.

Kaeo Ta verkaufte also ihre Schweine, verkaufte ihre Hühner und brachte eine Menge Geld mit nach Hause. Das Geld gab sie ihrem Mann, damit er mit diesem Pfunde wuchere und sich eine geachtete Stellung in der Gesellschaft schaffen könne. Der Mann nahm es und ging.

Die Zeit verflog. Aus dem Säuglingsknaben war ein junger Mann geworden, aber der Vater war nicht wiedergekommen. Die Mutter wartete und hoffte. Sie dachte, er müsse, müsse doch zurückkommen. Aber er blieb spurlos verschwunden.

Die Frau musste sich fügen. Sie schämte sich vor den Nachbarn. So verfiel sie auf den Gedanken, sich wieder zu verheiraten. Auch ihr zweiter Mann machte sich bald aus dem Staube. Mit dem dritten erging es ihr nicht besser. Verzweifelt legte sie ein Gelübde ab: Ihr ganzes Leben lang werde sie nicht mehr heiraten und keinen Mann mehr berühren. Doch weit gefehlt. Nach gemessener Frist befreite sie sich von ihrem Schwur, denn die Männer liessen nicht ab von ihr. Sie stellten ihr nach, und sie liess sich darauf ein.

Wer im Dorf das alte Sprichwort erwähnte, „Es tut weh – und bald denkst du nicht mehr daran”, der dachte dabei an niemand andren als an Kaeo Ta.

 
 
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