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Beiträge · Auf ein Wort von Michael Steinmetz
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Michael Steinmetz

Ist der Buddhismus eine Weltanschauung oder eine Religion?

Ein Thai kann über eine derartige Frage nur lächeln. Warum sollte der Buddhismus keine Religion sein? Weil es im Buddhismus keinen allmächtigen Gott gibt? Warum sollte er keine Weltanschauung sein? Wird doch der Blick auf die Welt, wie auf das Leben, durch eine jede Religion geprägt.

Der Begriff ,Religion' kommt aus dem Lateinischen: religio - onis; ,gewissenhafte Beachtung' wäre eine Übersetzungsmöglichkeit. Es ist verwandt mit diligere ,hochachten', die Verneinung lautet neglegere ,sich nicht kümmern um'. Entgegen dem Ursprung dieses Begriffs wurde aus der Perspektive der sich zu einem Gott bekennenden Religionen, insbesondere des Christentums, neben dem Hinduismus u.v.a. ausdrücklich der Buddhismus als "atheistische Philosophenschule" klassifiziert, "weil er die Existenz eines personifizierten Gottes leugnet". Gerade dieser Vorwurf des ,Gott-Leugnens' zeigt den darin verborgenen polemischen Überlegenheitsanspruch.

Diese alte Denkweise darf man getrost als eurozentristische Engstirnigkeit bezeichnen. Die auch lange Zeit in der europäischen Wissenschaft kontrovers geführte Debatte, was denn nun Religion eigentlich sei, füllt unzählige Werke. Doch zeitgemäße, vergleichende Religionswissenschaftler, wie etwa Prof. Dr. Michael Klöcker (Uni Köln), kommen zu dem Ergebnis, "dass Religionen Orientierungssysteme besonderer Art sind, die es dem Menschen ermöglichen, sich im Leben und in der Welt innerhalb und mittels eines sinngebenden Rahmens zurechtzufinden, zu orientieren". Religion wird heute als Oberbegriff verwendet für verschiedene Arten philosophisch-mythologischer Denkgebäude (meist in so genannten heiligen Schriften niedergelegt), die sich durch institutionalisierte Vermittler (Religionsgründer, Priester, Mönche u. a.) und eine Schar von Anhängern (Gläubige) auszeichnen. In heutigen Lexika und Handbüchern zur Religion (z.B. "Religionen der Welt", Tworuschka, Bertelsmann, München 1992) werden folgerichtig die drei auf den gemeinsamen Urvater Abraham zurückgehenden "Ein-Gott-Religionen" (Judentum, Christentum, Islam) neben den anderen Welt-Religionen wie Hinduismus und Buddhismus sowie den weniger allgemein bekannten Zoroatrismus, Sikhismus, Jainismus, Shinto u.v.a. vorgestellt. Neue Religionen und ethnische Religionen werden ebenso sachlich aufgeführt, ohne auch nur einen Hauch von herablassenden Dünkel aufkommen zu lassen.

Im dritten Jahrtausend nach Christus angekommen, sollten aufgeklärte Geister nun ein für alle mal diese unglaubliche Diskussion über "Rechtgläubige und Ungläubige" beenden: Der Buddhismus ist eine Religion.

Doch diesen schwierigen Prozess eines weiter gefassten, toleranten Religionsbegriffs hatte auch die Thai-Gesellschaft durchzumachen. Das Thai-Wort saatsanaa wird im allgemeinen heute als ,Religion' übersetzt. Ursprünglich wurde dieses aus dem Pali (altindische Sprache) kommende Wort einzig auf den Buddhismus bezogen. Dass dieser Begriff heute auch die in Thailand offiziell anerkannten Religionen ,Christentum' und ,Islam' einbezieht, ist tatsächlich von einiger politischer Brisanz. Die Thai-Verfassung, nach der Einführung der konstitutionellen Monarchie 1932, definiert den König als akkharasaatsanupathamphok, welches - je nachdem wie eng oder weit man den Begriff saatsanaa auffasst - entweder als ,der Beschützer des Buddhismus' oder als ,der Beschützer der Religion' übersetzt werden kann. Das ist kein spitzfindiges Problem für weltabgewandte Wissenschaftler, sondern konkretes Dilemma des sich zum Islam bekennenden Teil der thailändischer Bevölkerung. Wird die enge Auslegung angenommen, ist der König ,nur' der Beschützer der Buddhistischen Bevölkerung und so werden sie als "Andere" außen vorgelassen. Die weitergefasste Auslegung "Beschützer der Religion" führt aber gerade bei den muslimischen Gruppen im Süden des Landes zu einem Glaubenskonflikt, widerspricht es doch ihrer Auffassung von Gott, dass ein weltlicher buddhistischer Monarch ,Beschützer des Islam' sein kann.

Laut Verfassung muss sich der Thai-König jedoch zum Buddhismus bekennen. Er ist zwar heilig und unverletzlich, doch nach Anschauung der buddhistischen Lehre ist der Monarch kein göttliches Wesen, auch steht er nicht mit Gott in besonderer Verbindung. Der Monarch ist ein rein weltliches Organ; die notwendige Voraussetzung der Legitimation seiner Macht erwirbt er dadurch, dass er zum Wohlergehen des gesamten Volkes den zehn königlichen Tugenden Folge leistet, sowie sie von Buddha für Könige gelehrt wurden. Im Idealfall wird er somit zum Dhammaraja (gerechter Herrscher).

Für die überwältigende Mehrheit der Thai (95 Prozent) stellt sich die Frage nach der Religionszugehörigkeit jedoch gar nicht. Vater, Mutter, Onkel und Tante, die Großeltern waren es seit jeher und sind es noch heute: Buddhisten. Die sich ins Landschaftsbild einfügenden allgegenwärtigen Tempel, die in safranfarbenen Roben gehüllten Mönche (ca. 350.000), die ungezählten großen und kleinen Buddhastatuen, wie all die anderen buddhistischen Zeichen und Rituale sind einem Thai von früher Kindheit bis zur Totenbahre allgegenwärtig. Thai zu sein hieß schon immer: In erster Linie Buddhist zu sein. Religiöse Inhalte sind im Alltag selten Anlass für Diskussion, dem Thai-Laien sind ohnehin meist nur die rudimentären Elemente der Religion offengelegt, wie z.B. die fünf Gebote: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, keinen Ehebruch begehen, keine Rauschmittel zu dir nehmen. Doch diese zu realisieren, wird nichtsdestotrotz nur wenigen gelingen.

 
 
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