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Beiträge · Reportage von Volker Klinkmüller
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Volker Klinkmüller

Sandstein-Tempel am Steilhang

Das Felsen-Heiligtum Preah Vihear

Eine lange, prachtvolle Treppe führt über mehrere, von gewölbten Galerien eingefassten Terrassen hinauf zum Hauptheiligtum. Im Wechsel der Eindrücke von prächtig verzierten Toren, Höfen, Säulen, Gesimsen und Giebeln - alle in einem Zustand zwischen Vollendung und Verfall - werden die Besucher von der urasiatischen Gottheit Naga begleitet, die im Gegensatz zur christlichen Schlange das Gute als Element des Lebens verkörpert.

Seit dem 30. Mai ist der grossartige Felsentempel von Preah Vihear endlich wieder zugänglich geworden! Der mächtige Sandsteinbau thront - den geographischen Verhältnissen ideal angepasst - auf einem Felsvorsprung im kambodschanisch-thailändischen Grenzgebiet, der als rund 500 Meter hoher Steilhang abfällt.

Unter der Regentschaft von Yasovarman I. um das Jahr 900 begonnen, von Suryavarman I. weitergeführt und erst um 1150 durch den Angkor-Wat-Erbauer Suryavarman II. vollendet, zählt er zu den grössten Tempelanlagen Kambodschas und entfaltet eindrucksvoll die gesamte Bandbreite der Khmer-Architektur.

Das dem hinduistischen Gott Shiva - zuständig für Zerstörung und Erneuerung - geweihte Heiligtum ist ausserhalb Indiens die grösste Anlage, die zu Ehren dieser beliebten Gottheit errichtet wurde. Nach dem Untergang des Angkor-Reiches hatten sich die Thais den Tempel von Preah Vihear, den sie "Prasat Khao Phra Viharn" nennen, für mehrere Jahrhunderte einverleibt. Erst 1962 sprach ihn der Internationale Gerichtshof in Den Haag nach einer mitreis- senden Kampagne von Prinz Norodom Sihanouk wieder Kambodscha zu.

Beide Staaten einigten sich, den Tempel gemeinsam zu verwalten, doch die Spannungen und Streitigkeiten liessen sich nie gänzlich ausräumen. Im Dezember 2001 riegelte Thailand den Zugang von seinem Territorium ab, weil Kambodscha angeblich nicht genug bei der Lösung von Grenzkonflikten kooperierte und ortsansässige Händler die Landschaft sowie einen Grenzfluss verunreinigt hatten. Nun soll dieses Umweltproblem mithilfe thailändischer Experten gelöst werden, während die Wiedereröffnung als Zeichen der Entspannung im bilateralen Verhältnis gilt.

Noch bis zum Ende des Bürgerkriegs 1997 war Preah Vihear wegen der Roten Khmer, die sich in dieser Gegend festgesetzt hatten, nur unter Lebensgefahr erreichbar. Aus Sorge um gravierende Schäden am Felsentempel zog die Regierung ihre Truppen ab und überliess die Kontrolle den Pol-Pot-Rebellen, nachdem es zu ersten, kleineren Zerstörungen gekommen war. Von den einstigen Kämpfen zeugen noch heute einige Einschusslöcher an den Aussenwänden, doch eine angerostete Haubitze und ein gewaltiges, fotogenes Hubschrauber-Wrack wurden jetzt rechtzeitig zur Wiedereröffnung entfernt.

Überhaupt nichts geändert hat sich dagegen am spektakulären Blick vom Hauptheiligtum auf dem Gipfel: Bis zum Horizont erstrecken sich die zerklüftete Silhouette des legendären Dangkrek-Gebirges und der tiefgrüne Dschungel, der nur von schmalen, roten Wegführungen durchzogen wird - und die schwierige, etwas Abenteuerlust erfordernde Anreise aus dem Landesinneren erahnen lässt.

Denn für die Anreise aus der Tempelprovinz Siem Reap über Anlong Veng oder von Kompong Thom über Chum Khsan muss eine vielstündige Fahrt mit dem Geländewagen eingeplant werden, die aber durch einen überaus faszinierenden, vom Tourismus noch unberührten Winkel Südostasiens führt! Zudem müssen für den schweisstreibenden Aufstieg vom Armee-Lager am Fuss der Poey-Ta-Di-Klippen noch rund zweieinhalb Stunden einkalkuliert werden. Weitaus einfacher ist Preah Vihear über die thailändischen Provinzhauptstädte Sisaket und Surin zu erreichen. Eine neu gebaute, asphaltierte Stichstrasse führt durch einen Nationalpark fast direkt bis zur Wallfahrtsstätte.

Die Anreise über diese Route lässt sich übrigens wunderbar mit der Besichtigung weiterer Khmer-Tempel im Nordosten Thailands verbinden: Einst an den Handelsstrassen des mächtigen Khmer-Reichs auf umliegenden Hügeln errichtet und dann im unwegsamen, unsicheren Grenzgebiet vergessen, wurden in den letzten Jahren viele der rund 300 Tempelruinen für Touristen aus dem Dornröschchenschlaf geweckt.

 
 
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