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Beiträge · Reportage von Volker Klinkmüller
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Volker Klinkmüller

Höhlen-Trekking unter dem Goldenen Dreieck

Mit Bambusfloss und Karbidlampe zu den Schätzen der Finsternis

Schlagartig hat der heftige Regen ausgesetzt, ist das Rauschen und Plätschern der Wassermassen vorbei. Als sei es von einer dicken Lackschicht überzogen, glänzt das tropische Grün. Für einen Moment herrscht Stille. Dann meldet sich aus den Baumkronen zaghaft die Vogelwelt zu Wort. Schon bald wird das Gezwitscher vom Zirpen und Trillern der Insekten im Unterholz überstimmt. Einige kreischen täuschend echt wie eine Kreissäge, andere heulen wie Sirenen. Fasziniert lauschen die Gäste der "Cave Lodge" dem unheimlichen Konzert. Entdecken können sie in der dichten Wildnis aus Dschungelpalmen, Schlingpflanzen und Lianen, die gleich hinter dem Holzgeländer beginnt, jedoch nichts. Aber die Geheimnisse dieser Region lassen sich ohnehin nicht auf den ersten Blick erschliessen ...

"Vielleicht würdet Ihr am Aussehen dieser Tierchen ja gar keinen Gefallen finden", schmunzelt John Spies. Etwas verschlafen, aber offenbar gut gelaunt, erscheint er auf der geräumigen Veranda seines Guesthouses (Pension). Mitten in den Urwald Nordthailands hinein hat der 40jährige Australier diesen Dschungelpalast aus Teakholz, Bambus, Schilf und Blättern gesetzt. Die rustikal-gemütliche "Cave Lodge", in der bis zu 50 Besucher unterkommen können, wird unter Trekkern in aller Welt als Geheimtip gehandelt. Auf Elefanten reiten, mit Flössen fahren, einsame Bergdörfer aufsuchen oder auf verborgenen Pfaden der Opiumhändler wandeln - das wollen die meisten Touristen im berühmt-berüchtigten Goldenen Dreieck. Doch in der Nähe der kleinen Ortschaft Soppong, dicht an der unruhigen Grenze zu Burma, hat die Natur etwas Einzigartiges zu bieten: Höhlen-Trekking!

Schon die vierstündige Anfahrt von der 175 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Chiang Mai ist ein Erlebnis. Einst von den Japanern als Invasionsroute nach Burma gebaut, windet sich die Landesstrasse 1095 in unzähligen Serpentinen durch die gebirgige Landschaft. Höhen bis zu 1.300 Metern ermöglichen atemberaubende Ausblicke auf weite, fruchtbare Täler und noch höhere Bergketten. Teak- und Kiefernwälder wechseln sich ab mit Maniok-Plantagen und gefluteten Terrassenfeldern, in denen die Hilltribes (Bergstämme) Reis anbauen. Jenseits der Passstrassen laden Wasserfälle und heiss brodelnde Quellen zu Zwischenstops ein. Es ist jedoch nicht nur die Gegend, die John fasziniert. Als er vor 19 Jahren zum ersten Mal hier war, hat er sich in seine Trekking-Führerin - und heutige Ehefrau - Diew verliebt. Seitdem hat er mehrere Regional-Dialekte gelernt und seine neue Heimat akribisch erkundet. Niemand kennt die unterirdischen Labyrinthe dieser Region besser als er.

Im Erdaltertum hatten sich hier metamorphe Schiefer, paläozoische Kalke und erstarrtes Magma zu einem Ausläufer des Himalayas aufgetürmt, der schroffe Felsen und zahlreiche Grotten ausbildete. "Einige Höhlen konnte ich nur mit Hilfe der Einheimischen entdecken. Auf andere bin ich durch die systematische Auswertung von topograhischen Materialien gestossen", erzählt John. Insgesamt sind es fast 100 Labyrinthe, davon zwölf länger als einen Kilometer. Erst durch ihn sind Geologen, Archäologen und Biologen auf diese ergiebige Gegend aufmerksam geworden. Der Aussteiger hat sogar schon ein Video für die thailändische Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn gedreht, der Regierung bei geographischen Studien und Naturschutz-Management geholfen. Aber auch wenn sich die weniger prominenten Gäste seiner "Cave Lodge" auf den Bodenkissen im Restaurant zum Abendessen versammeln, das für 35 Baht (umgerechnet zwei Mark) pro Person in der offenen Küche gebrutzelt wird, serviert John meist Tips und seine Höhlenabenteuer als Dessert. Gelegentlich lässt er sich auch überreden, Fotos und Skizzen hervorzukramen, auf denen er seine Erlebnisse in der Unterwelt festgehalten hat. Viele davon stammen aus den Höhlen Tham Nam Lang und Tham Mä La Na ("Tham" ist das thailändische Wort für Höhle), deren Gänge sich über acht Kilometer ins Gebirgsmassiv ziehen.

Nur wenige Minuten von der "Cave Lodge" entfernt liegt der Eingang zur Tham Lod, die fast alle klassischen Attraktionen einer Höhle bietet und deshalb schwerpunktmässig für den Abenteuer-Tourismus erschlossen werden soll. Bisher haben sich die Besucherzahlen in überschaubaren Grenzen gehalten. Doch die Provinzregierung lässt den sieben Kilometer langen Zubringer, der früher als Lehmpiste durch den Dschungel geführt und die Anreise entsprechend erschwert hat, gerade mit einer dicken Betondecke befestigen. So werden auch mittelgrosse Touristenbusse nicht mehr allzulang auf sich warten lassen. Darüber freuen sich besonders die 400 Anwohner des nahegelegenen Shan-Dörfchens Ban Tham, für die die Lod-Höhle zur wichtigsten Einnahmequelle geworden ist. Nun müssen sie nicht mehr von illegalem Mohnanbau leben, der auf Brandrodung basiert und in weiten Teilen der Region zu verheerender Bodenerosion geführt hat. Sie haben es auch nicht - wie andere Dorfgemeinschaften der Bergstämme - nötig, in herausgeputzten Trachtenkleidern für Touristenkameras zu posieren

Insgesamt sind es 65 Einheimische, die ihre Führerdienste anbieten und sich streng nach Reihenfolge abwechseln. Ein Teil der 100 Baht Eintrittsgeld fliesst in einen Gemeinschaftsfond für das Dorfentwicklungsprogramm, Weiterbildungskurse und Englisch-Unterricht. An letzterem allerdings hat die 20jährige Nangjam offenbar noch nicht teilgenommen. Freundlich aber wortlos ergreift sie die blankgeputzte Karbidlampe und marschiert in Richtung Höhleneingang voran. Die meisten Touristen sind wahrscheinlich überaus dankbar, dass sie sich nicht allein in das Erdinnere wagen müssen. Schon der Felsschlund, der sich am Fuss des Berges auftut, lässt die Besucher in Ehrfurcht verharren. Wie selbstverständlich verschwinden die braunen Fluten des Nam-Lang-Flusses in der imposanten D6ffnung, an deren Rand eine schlichte Holzbrücke ins Gewölbe führt. Als uns die Erde verschluckt hat, muss Nangjam mächtig pumpen, um aus dem Glühstrumpf ihrer Gaslampe gleissendes Licht zu zaubern.

Imposante Umrisse werden sichtbar, nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Geräumig wie eine Bahnhofshalle wirkt die erste Kammer des Labyrinths. Bizarre, geheimnisvolle Formationen haben sich im Lauf der Jahrtausende ausgebildet. Stalaktiten hängen wie dicke Eiszapfen von der Decke, während ihnen von unten meterhohe Stalagmiten entgegenwachsen. Ein Märchenwald aus Stein. An anderer Stelle gleichen die Formationen einem zähflüssigem Lavastrom, der sich in Wellen einen Abhang hinunterwälzt.

Schon führt Nangjam tiefer in die Einsamkeit der Tropfsteinhöhle. Mit einem Lächeln nur deutet sie auf die Schätze der Finsternis. Aber es ist schliesslich auch gar nicht so schwierig, zu erkennen, was sie zeigen will: Hier eine Ente und ein Frosch, dort ein Elefant und ein Krokodil, das die Kräfte der Natur aus dem Gestein geformt haben. Noch ganz andere Geheimnisse verbergen die benachbarten Höhlensysteme.

Fossile Muscheln und Schneckengehäuse, bunte Kristalle und vor kurzem eine Ansammlung blauer Stalaktiten hat Hobbyforscher John aufgespürt. Sogar schmucke "Höhlen-Perlen" - aus Kalziumkarbonat geformte Steinmurmeln - hat er auf seinen Expeditionen, die auch mal zwei oder drei unterirdische Nächte einschliessen, schon gefunden. "Da besteht natürlich eine enorme Gefahr durch souvenirhungrige Touristen", gibt er zu bedenken. Aber auch die Einheimischen würden gelegentlich nicht wissen, was sie tun. So sei es bereits vorgekommen, dass sie ganz und gar unbefangen jahrtausendealte Felszeichnungen beseitigt hätten. Inzwischen ist das Bewusstsein allerdings gewachsen. So wurden bereits mehrere Hinweistafeln mit Verhaltensregeln für den Höhlenschutz aufgestellt. Zudem soll die Tham Lod eines Tages nur noch über hölzerne Plankenwege begangen werden können. Denn auch in einer Höhle - und scheint sie noch so unverwüstlich - ist es ohne weiteres möglich, erheblichen Schaden anzurichten: Schon der bei Besichtigungstouren aufgewirbelte Staub kann sich als hässlicher Fallout auf den Gesteinsformationen niederschlagen. Auch die Abgase der Karbidlampen lagern sich an der Decke ab, können sogar die Höhlenfauna beeinträchtigen. Deshalb sollen in der Tham Lod bald nur noch mit Akkus betriebene Elektrolampen eingesetzt werden.

Im Zickzack durchqueren wir ein gewaltiges Gesteinswirrwarr. Die Decke wird niedriger, der Gang immer enger. Platzangst macht sich breit. Die Felsmassen über unseren Köpfen legen sich zentnerschwer auf das Gemüt. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Nangjam zuckt die Achseln, hat offenbar die Orientierung verloren. Nervöses Schweigen. Aber nachdem sie eine Weile Spannung erzeugt hat, hebt sie triumphierend die Lampe - und schon wird ein schmaler Durchlass zur nächsten Höhlenkammer sichtbar. Sie liegt tiefer und ist nur mit einer Kletterpartie zu erreichen. Das Keuchen der Lunge hallt von den Felswänden zurück. Die Luft ist dünn und muffig, droht die Kehle zuzuschnueren. Nach eineinhalb Stunden taucht erneut der Nam-Lang-Fluss auf, der die Lod-Höhle von Nordost nach Südwest durchquert. Weiter geht es jetzt - wenn die Fotoausrüstung trocken bleiben soll - nur mit einem der Flösse, die schemenhaft am Ufer dümpeln.

Draussen scheint es wieder zu regnen. Jedenfalls ist der Wasserstand deutlich angestiegen. Grosses Geschick und auch viel Kraft musst die zierliche Höhlenführerin aufbringen, um die zusammengebundenen Bambusstämme die Flussbiegungen entlangzusteuern. Die Strömung droht das Floss gegen Felsvorsprünge oder auf eine der Kiesbänke zu drücken. Als im schwachen Schein der Lampe provisorische Holzleitern auftauchen, legen wir an. Vielleicht sind es 15 oder auch 20 Meter, die wir schweiss überströmt hinaufsteigen, um in eine andere Etage zu gelangen. Es ist eine Grabkammer. In den Felsnischen der sogenannten "Coffin Chamber" modern einbaumförmige Ueberreste von Särgen vor sich hin. Sie sind erst vor kurzem entdeckt und mit der wissenschaftlichen C-14- Methode auf 1.200 bis 1.600 Jahre datiert worden. Von Menschen benutzt wurde die Lod-Höhle - so haben Forscher errechnet - bereits vor 12.000 Jahren.

Heute gehört das Felslabyrinth den Fledermäusen und vor allem den Mauerseglern. Als wir ihre Kolonie am Höhlenausgang erreichen, ist draussen schon die Dämmerung hereingebrochen. Zigtausende der schwarzen Vögel schwärmen uns von ihren Futterplätzen, die oft mehr als 100 Kilometer entfernt liegen, entgegen - ohne uns mit einem einzigen Flügelschlag zu streifen. Ein unbeschreibliches Naturschauspiel! Dann ergeben sich die Sinne wieder dem penetranten Geruch, der die Sehnsucht nach der frischen Luft des Regenwalds steigert. Vorsichtig schlittern wir über den Höhlenboden, denn hier ist er mit einer zentimeterdicken Kotschicht bedeckt. Mittendrin sterbende oder bereits verwesende Vögel: Die unterirdische Trekking-Tour führt quer durch den Lebensraum, durch Nist- und Sterbeplätze dieser Schwalben. "Bisher haben die Mauersegler den Tourismus ganz gut verkraftet", beruhigt Höhlenspezialist John später auf der Terrasse seines Guesthouses. "Denn die meisten Besucher kommen ja sowieso, wenn die Vögel gerade ausgeflogen sind."

Komplizierter sei das schon mit den einzigartigen Fischen der Gattung "Homaloptera" aus der Spezies "Thamicola". Diese hat John als Weltpremiere 1986 in der mit 14 Kilometer längsten Festland-Höhle Thailands entdeckt, auf die er ein Jahr zuvor in den Bergen gestossen war. Sie leben in einem unterirdischen Wasserfall, sind fast vier Zentimeter gross, von rötlicher Färbung, haben keine Augen und können mit ihren Flossen feuchte Felsen hinaufklettern. Da diese Fische durch ihr abgeschiedenes Dasein keinerlei natürliche Feinde haben - also völlig arglos sind, könnten sie problemlos von Touristen als Maskottchen oder von Einheimischen für vermeintliche Feinschmecker-Restaurants und dubiose religiös-medizinische Heilmittel eingesammelt werden. 20

"Der Tourismus lässt sich nicht aufhalten", meint John. "Aber wir können wenigstens versuchen, ihn zu lenken!". Wenn Höhlen wie die Tham Lod für Besucher erschlossen würden - so lautet seine Theorie - könnten andere Labyrinthe unberührt bleiben. Was die Höhle mit den seltenen Kletterfischen betrifft, hat sich John bei den Behörden dafür eingesetzt, jegliche touristische Nutzung zu verbieten, die beiden Eingänge der Höhle zu verschliessen - und sogar die Bewohner der näheren Umgebung in eine andere Gegend umzusiedeln. Denn diese tragen ganz unwissentlich zur Bedrohung des unterirdischen Refugiums bei: Ihre Pfahlhäuser werden - zur vorbeugenden Bekämpfung der Malaria - regelmässig mit DDT ausgesprüht. Das gefährliche, in anderen Ländern längst verbotene Gift gerät aber genauso ins Oberflächenwasser wie die neuerdings eingesetzten Herbizide und Pestizide, die den Bergstämmen den Anbau von Kaffee, Kartoffeln oder Kohl erleichtern sollen. Auf diese Art und Weise bedarf es also nicht einmal eines einzigen Besuchers, um das empfindliche Oekosystem eines Höhlenlabyrinths durcheinanderzubringen.

 
 
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