Grosse Pläne mit Ko Chang
Grosse Pläne mit Ko Chang Visionen, Wünsche und Widersprüche Die zweitgrösste Insel Thailands sucht ihren Platz auf der Touristischen Landkarte von Volker Klinkmüller Manchmal hat es ein Urlaubsziel gar nicht leicht, sich einen neuen Namen zu machen - oder wenigstens den alten zu bewahren. Wie Thailands zweitgrösste Insel Ko Chang: wegen ihrer geographischen Nähe zum krisengeschüt-telten Kambodscha, umherstreunenden Rebellen, Schmugglern und Piraten war sie lange militärisches Sperrgebiet und ist erst seit Mitte der 90er Jahre wieder auf die Landkarten zurückgekehrt. Sogar Premierminister Thaksin Shinawatra hat die "Elefanten-Insel" erst vor einigen Monaten entdeckt, dafür aber mit Folgen.
Bei einem Besuch war er von ihrer Schönheit so fasziniert, dass er ein "Phuket des Ostens" daraus machen wollte. Spontan forderte der Milliardär dazu auf, Rucksack-Touristen von dem Archipel zu verbannen, um es zu einem exklusiven "Paradies für Reiche" auszubauen. Andere kürten die Insel mit ihren fast 50 benachbarten, meist unbewohnten Eilanden euphorisch zu den "Malediven Thailands", doch nach den neuesten Plänen soll Ko Chang nun zu einer "Insel der Fahrradfahrer" entwickelt werden.
Aus dem Dornröschenschlaf geküsst wurde die über 34 Kilometer lange und bis zu zwölf Kilometer breite Insel von Rucksack-Touristen, die als erste den Reiz des im Meer vergessenen Juwels erkannten: ausgedehnte Sandstrände mit grünen Palmengürteln, geheimnisvolle Lagunen und wurzelwirre Mangroven-haine als Umrandung einer faszinierenden Berglandschaft mit rauschenden Wasserfällen und Gipfeln, die bis zu 743 Metern in den Himmel ragen. Oft von Wolken umwabert, haben die dichtbewachsenen Bergkuppen die Konturen einer Elefantenherde - und der Insel ihren Namen gegeben. Der immergrüne Regenwald zählt zu den best erhalt-ensten Südostasiens und beherbergt eine exotische Tierwelt, die auf dem Festland vielerorts ausgestorben ist. Affen, Ameisenbären, Hirsche, Wildschweine, Warane, Flughunde, Schildkröten, besonders viele Schlangen sowie über 70 Vogelarten bevölkern das Naturparadies. Nicht zuletzt auch der legendäre Frosch "Rana Kochang", der als Rarität nur hier durch die Gegend hüpfen soll.
Heute wird die Natur besonders am White-Sand-Beach gut in Schach gehalten, denn er ist das Zentrum der touristischen Entwicklung. Zwar wurden Ko Chang und die meisten Nachbarinseln 1982 zum Meeres-Nationalpark erklärt, doch rund 20 Prozent der Hauptinsel - vorwiegend ihre flachen Ränder - sind von den Schutzgesetzen ausgeschlossen.
Wo einst die ersten Bambushütten standen, finden sich heute die meisten der rund 2.500 Hotelzimmer von Ko Chang. Immer dichter reihen sie sich unter den Wipfeln der letzten Palmen aneinander - und dass mit unterschiedlichster Architektur und Ausstattung: Einige Anlagen haben immerhin die Romantik der ursprünglichen Unterkünfte bewahrt und inseltypische Schilfdach-Hütten mit ungeahntem Komfort verbunden. Wie das "Ban Phu Resort", dessen urgemütlichen Bungalows in eine tropische Gartenanlage eingebettet sind, die sich teilweise sogar in den Badezimmern fortsetzt.
Durch das noble "Aiyapura Resort & Spa" indes wurde Ko Chang mit einem ersten Fünf-Sterne-Hotel beglückt.
Die 21 Millionen Euro teure Luxusherberge lockt mit Jacuzzis am Meer, Schönheitskuren und ökologischem Gebaren. Der bisher grösste Investor hat im Süden zugeschlagen und für sein "Ko Chang Boat Chalet" eine ganze Armada vor Anker gehen lassen: Mit unglaublichem Aufwand wurde ein mächtiges Wohnschiff mit fünf Metern Tiefgang in die Klong-Koi-Lagune geschoben, während auf den Seitenarmen jede Menge, zu Luxus-Unterkünften ausgebaute, hölzerne Reisbarken dümpeln.
Mittelpunkt des touristischen Inseltreibens bleibt jedoch der White-Sand-Beach: Bei Ebbe wird der fast drei Kilometer lange Puderzucker-Strand zu einer breiten Promenade: Zurückgekehrt von Tauch- und Schnorchelausflügen, relaxt vom Sonnen- oder Meeresbad wird flaniert oder massiert, mit dem Volleyball oder Kokosnüssen gespielt und wenig später dann diniert: Wenn sich die Sonne am Horizont senkt, verwandelt sich der Strand zum romantischen Freiluft-Restaurant. Auf Palmen und Büschen funkeln bunte Lampionketten, oben am Himmel die Sterne und draussen auf dem Meer die Lichter der Fischerboote. Sie sorgen dafür, dass sich die Teller auch am nächsten Tag fangfrisch mit Fisch und Meeresfrüchten füllen lassen. Früher war das ein schöner Tagesausklang - heute gibt es auf der Insel bereits Internet-Cafes und die ersten Bierbars. Ende letzten Jahres eröffnete mit der "Hollywood" die erste Diskothek der Insel, in einer weiteren wollen Investoren aus Pattaya zum Songkran-Fest die ersten Gäste einlassen. Bis Oktober werden sich sogar die beiden namhaften Fast-Food-Ketten "Pizza Hut" und "KFC" mit ihren ersten Filialen auf der Insel niedergelassen ha ben! Denn die Elektrifizierung durch ein Unterwasserkabel hat Ko Chang 1996 in ein neues Zeitalter katapultiert. Eine mit Dynamit, Motorsägen und Planierraupen durch die rotlehmige Wildnis geschlagene Ringstrasse, die die grössten vier Orte und die wichtigsten Strände verbindet, hat der Insel erheblich mehr Infrastruktur und Fahrzeuge, aber auch mehr Lärm und etliche Verkehrstote beschert.
Waren es einst nur umgebaute Fischerboote, so sind es heute ein Dutzend grössere Fähren, die unablässig Menschen, Materialien und Fahrzeuge auf die Insel bringen. Über neue Autobahnen ist Ko Chang von Bangkok (315 bis 385 Kilometer) und Pattaya aus in nur rund drei Stunden zu erreichen.
Und lag die Insel früher in einer Sackgasse, können Touristen nun über die kambodschanische Grenze bei Ko Khong nach Sihanoukville oder über eine neue Dschungelpiste bis nach Phnom Penh weiterreisen.
Schon steht der nächste Impuls der rasanten Entwicklung bevor: Mitte 2003 soll gegenüber am Festland - rund 50 Flugminuten von Bangkok - der neue Flughafen der Provinzhauptstadt Trat eröffnet werden. Dreimal pro Woche sollen moderne, 70sitzige Turboprob-Maschinen landen, die Ko Chang mit Phuket, Ko Samui, Sukhothai oder Chiang Mai und den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Nachbarländer verbinden werden. Das passt durchaus ins Konzept der Regierung, nach dem sich Thailand zu einer "Qualitäts-Destination" für "Qua-litäts-Touristen" entwickeln soll. Um seine Vorstellungen vom neuen Ko Chang zu untermauern, hat Premierminister Thaksin gleich mal eine halbe Milliarde Baht (rund 13 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt. Damit sollen 37 Entwicklungsprojekte angeschoben, die Insel für "Öko-Tourismus" vor- und für Luxushotels aufbereitet werden. Das hat Spekulanten angelockt und die Landpreise explodieren lassen. Wer als Einheimischer zu früh verkauft hat, ärgert sich - oder ist sowieso schon aufs Festland gezogen.
Im Fischerdorf Klong Prao ist nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Bewohner verblieben. "Die Ausbeutung unserer Heimat macht mich traurig", klagt Somyos Muntawil. "Öffentliche Wege zum Strand werden durch private Hotelanlagen blockiert, Korallenriffe durch Touristen beschädigt und Mangro-venwälder durch Neubauten zerstört". Die Behörden, so der 37 Jahre alte Fischer, würden lieber Insulaner verfolgen, die zu dicht an der Küste fischen, aber Investoren erlauben, die Strände zu missbrauchen. Ein Masterplan soll die schlimmsten Auswüchse verhindern und helfen, die natürliche Schönheit der Insel für Natur-Tourismus zu bewahren. Angestrebt wird die Verwendung von abgasfreien Fahrzeugen - mit Fahrrädern als Hauptverkehrsmittel, die Nutzung erneuerbarer Energien sowie ein Verbot von Jetskis, Prostitution und Hochbauten. Prinzipiell stellt sich jedoch die Frage, ob Entwicklung in Thailand überhaupt steuerbar ist - folgt sie erfahrungsgemäss doch eher ungeschriebenen Gesetzen. Nach Auffassung von Naturschützern ist der Kardinalfehler bereits begangen: nämlich die bis vor kurzem jungfräuliche Insel für den privaten Au-toverkehr freizugeben! Wissenschaftler befürchten, dass die biologische Vielfalt der Insel bereits erheblich gefährdet ist. "Die meisten Projekte, die im Rahmen der neuen Infrastruktur durchgeführt werden sollen, fügen dem Ökosystem grossen Schaden zu", warnt Chaweewan Hutachareon als Leiterin der Forschungs-Abteilung in der Forstverwaltung und fordert, diverse Projekte auf Eis zu legen. Im vergangenen Jahr hatte die Thaksin-Regierung insgesamt 37 grössere Baumassnahmen genehmigt, von denen rund die Hälfte für den Strassenbau gedacht sind. Kritisiert wird vor allem, dass bei den umfang- und folgenreichen Planungen Biologen und Umweltexperten unzureichend oder überhaupt nicht zu Rate gezogen werden! So könnten als erste Tierart zum Beispiel seltene Insekten - wie die Glühwürmchen - von Ko Chang verschwinden. Die aber stellen für die Einheimischen an der Klong-Prao-Lagune bisher eine gute Einkommensquelle dar, da viele einheimische Touristen die Insel speziell wegen dieser seltsamen Natur-Erscheinung besuchen.
Auch mehrere Riesen-Baustellen erscheinen als eher schlechtes Omen - wie an der Klong-Kloi-Lagune: hier treiben Raupen, Bagger und schwere Lastwagen ihr Unwesen, wollen offenbar einen ganzen Strand für Hochglanzprospekte frisieren. "Dagegen waren wir damals die reinsten Naturschützer!", schmunzelt Ko-Chang-Pionier James Brunner. "Jeden Sack Zement, sämtliches Holz, das gesamte Mobiliar und sogar die schweren Generatoren haben wir mit kleinen Fischerbooten angelandet und mit einem selbst gebauten Floss entladen". Die ersten seiner heute 70 Bungalows im "Plaloma Cliff Resort" hatte er noch sorgsam um die Palmen herumgebaut. Auch sonst kann der Schweizer stundenlang, leidenschaftlich und spannend wie ein Krimi-Autor von seinen 14 Inseljahren erzählen - sogar aus dem geheimnisvollen Inselinneren: Als einem von bisher nur wenigen ist ihm gelungen, Ko Chang zu durchqueren. Zuerst mehrere Stufen eines brodelnden Wasserfalls hoch, dann weiter den Flussver-lauf entlang, gegen Dornendickicht, Spinnweben und Moder kämpfend, an Felsen hinauf kraxelnd, durch Schluchten schwimmend und dabei bis an die Grenzen seiner Kräfte stossend, musste der 48jährige ungeplant im Dschungel übernachten. Ursprünglich und unbezwingbar erscheint die Insel (noch) in ihrem Innersten. Auch angesichts noch unverbauter Strände mit urtypischer Hängematten-Atmosphäre - wie dem Kai-Bae- oder dem Lonely-Beach - stimmt bedenklich, was aus dem Masterplan sonst noch so durchsickert: Muss Ko Chang tatsächlich durch Wasserflugzeuge, Hoo-vercraft-Fähren oder gar einen weiteren, inseleigenen Flugplatz erreichbar werden? Wo und mit welchen Folgen sol len statt der bisher 300.000 Urlauber pro Jahr Touristenmassen wie auf Phuket (rund 3,5 Millionen) untergebracht werden? Lassen sich First-Class-Urlauber wirklich volksnah in den Häusern von Einheimischen unterbringen, wie es vorgesehen ist? Was mögen Öko-Touristen von der Boots-Rennstrecke halten, die zwischen den vorgelagerten Inseln entstehen soll? Wäre es sinnvoll, die kleinen Nachbarinseln in phantasievolle Themen-Parks wie "Golf-Island", "Safari-Island" oder "Flower-Island" zu verwandeln? Angesichts all dieser Ideen, Planungen und Widersprüche erscheint es als erfreulichste Lösung, Ko Chang nur als "Insel der Fahrradfahrer" auf der touristischen Landkarte zu etablieren - auch wenn es dort bisher kaum jemanden gibt, der sich auf einen Drahtesel schwingt... |