Nach dem Tsunami bleibt das Trauma
Von Thailands König Bhumibol mit dem Mahidol-Preis ausgezeichnet, empfiehlt der deutsche Wissenschaftler Professor Norman Sartorius mehr psychologische Hilfe für die Flut-Opfer
Aus den Händen von Thailands König Bhumibol empfängt der deutsche, an der Universität von Genf lehrende Preisträger Professor Norman Sartorius die Medaille des Mahidol-Awards, die mit einem Preisgeld von 50.000 US-Dollar verbunden ist. |
Die Überlebenden der Tsunami-Flutwellen werden noch viele Jahre schwer unter Depressionen leiden, wenn Ihnen keine nachhaltige, psychologische Hilfe zu teil wird. Diese Einschätzung hat Professor Norman Sartorius bekräftigt, der von Thailands König Bhumibol Adulyadej in Bangkok während einer feierlichen Zeremonie mit dem Mahidol-Preis ausgezeichnet worden ist. Der 70jährige Deutsche, der an der Universität von Genf als Spezialist für internationale Massen-Psychologie doziert, plädiert unter anderem dafür, den betroffenen Menschen umfangreiche Möglichkeiten anzubieten, um sich durch permanente Gespräche möglichst schnell vom Trauma der schlimmen Natur-Katastrophe zu befreien.
Insgesamt schätzt Sartorius die Zahl der Thailänder, die unter mentalen Störungen leiden, auf fast 500.000 - was aber keineswegs über dem Durchschnitt vergleichbarer Länder liege. Weil sie meist nicht weiter sichtbar ist, werde diese Art der Erkrankung leider oft unterschätzt, obwohl sie von ihrer Häufigkeit her gleich nach der Malaria, Hepatitis oder dem Verlust von Gliedmaßen zu nennen sei. Durchschnittlich seien sogar 25 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben davon betroffen. „Wenn wir bedenken, wie viele verlorene Lebensjahre durch diese Krankheit zusammen kommen“ so Sartorius, „ergibt sich ein gewaltiger Negativ-Faktor für die Volkswirtschaft“. Zu einer effektiveren Bekämpfung mentaler Störungen plädiert Sartorius unter anderem für eine verbesserte Früherkennung Nach seinem Studium der Medizin in Zagreb und ausgiebigen Erfahrungen in der Psychiatrie, hatte er 1967 begonnen, für die Weltgesundheits-Organisation WHO zu arbeiten - wobei er vorwiegend in Südostasien eingesetzt wurde. Später arbeitete er unter anderem 20 Jahre lang als Direktor der WHO-Abteilung für mentale Gesundheit.
Die beiden Mahidol-Preisträger Professor Jonathan M. Samet (links) und Professor Norman Sartorius beim gehaltvoll-lockeren Gedanken-Austausch vor den Kameras des thailändischen Fernsehens im Untergeschoss des Chakri-Thronsaals. |
Der mit 50.000 US-Dollar pro Person dotierte Mahidol-Preis - er gilt als eine Art thailändischer Nobel-Preis - wird seit 1992 alljährlich an internationale Wissenschaftler verliehen, die sich um die Verbesserung des weltweiten Gesundheitswesens verdient machen. Mit Professor Sartorius wurde erstmals ein Empfänger aus Deutschland geehrt, was wohl durchaus im Sinne des Namensgebers dieser Auszeichnung gewesen wäre: Prinz Mahidol von Songkhla, der als Begründer des modernen, thailändischen Gesundheitswesens gilt und bereits im Alter von 37 Jahren an meinem Nierenleiden verstorben war, hatte während der Kaiserzeit in Berlin Medizin studiert. Wohl nicht zuletzt, weil es sich um seinen Vater gehandelt hat, lässt es sich König Bhumibol - nach fast 60 Jahren Amtszeit dienstältester Monarch der Welt - nicht nehmen, den Mahidol-Preis stets persönlich zu übergeben. Die Schar der Anwesenden im prunkvollen Thronsaal des Chakri-Palastes - darunter Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn und Premierminister Thaksin Shinawatra - zeugte einmal mehr von der Bedeutung des Ereignisses.
Besonders gut gelaunt zeigte sich Thailands Premierminister Thaksin Shinawatra beim Empfang zum festlichen Bankett in der Bangkoker Ananta Smakhom-Thronhalle, zu der die beiden Preisträger ihre Ehefrauen mitgebracht hatten. |
Trotzdem sparten die Preisträger bei ihren Interviews mit den thailändischen Medien nicht gerade an Kritik. Professor Sartorius sprach sich unter anderem gleichzeitig gegen mehrere Lieblingsbeschäftigungen der thailändischen Jugend aus - wie zum Beispiel die tägliche, deutlich zu lange Aufenthaltsdauer vor dem TV und Computern, aber auch die permanente Kommunikation über Mobil-Telefone. „Dadurch wird immer mehr verlernt, sich direkt mit den Mitmenschen zu befassen, so dass persönliche Kontakte und das Sozialverhalten zu verkümmern drohen“. Der amerikanische Professor Jonathan M. Samet indes, der als Epidemiologe an der „John Hopkins Bloomberg School for Public Health“ in Baltimore lehrt und den Mahidol-Preis für seine Verdienste auf dem Forschungsgebiet Umwelt und Gesundheit erhielt, kritisierte die viel zu hohe Luftverschmutzung in Thailands Hauptstadt Bangkok - zum Beispiel durch zu viele Zweitakter-Fahrzeuge. „Die Beweise dafür“, sagte er, „sind bereits in vielfältiger Weise erbracht. Jetzt ist es dringend erforderlich, dass die Politiker handeln.“ Gleiches gelte im übrigen auch für das gewaltige Risiko des Mit-Rauchens von Nicht-Rauchern - nicht nur in Kneipen oder Diskotheken, sondern vor allem auch daheim im eigenen Domizil. |
Professionelle Hilfe gegen posttraumatischen Stress
Sie beschäftigt sich fast ausschließlich mit Toten, doch nun setzt sie sich mit Nachdruck auch für die Lebenden ein: Thailands legendäre Pathologin Khunying Porntip Rojanasunan, die sich im Süden Thailands mit ihrem Expertenteam und ausländischen Ärzten unermüdlich um die Identifizierung von Tsunami-Opfern gekümmert hat und im Königreich quasi als Heldin verehrt wird, vermisst - wie auch Mahidol-Preisträger Professor Norman Sartorius - eine geschulte, psychologische Betreuung für die Überlebenden der Natur-Katastrophe. Denn noch immer stehen Menschen unter Schock, weil sie grausame Erlebnisse und den plötzlichen Verlust von Angehörigen oder Freunden nicht verarbeiten können. Es wird davon ausgegangen, dass im Süden Thailands allein rund 50.000 Angehörige von Fischer-Familien - davon etwa 20 Prozent Kinder und ältere Menschen - unter posttraumatischem Stress leiden. Deshalb sind dort nach Angaben der thailändischen Regierung bereits 500 Psychologen mit 100 freiwilligen Helfern unterwegs. Da das aber offensichtlich bei weitem nicht ausreicht, soll in Japan um umfangreiche, professionelle Unterstützung und Ausbildungshilfe nachgesucht werden. Denn aufgrund vorangegangener Natur-Katastrophen gibt es dort bereits erhebliche Erfahrungen mit der Betreuung von Tsunami-Flutopfern. (vk) |