Fische und Fischer - Aussterbende Arten
Die rapide Abnahme der Anzahl der Riesenwelse - Pla Buek - wird nicht zu stoppen sein, solange China nicht mit dem Bau von Dämmen und dem Sprengen von Stromschnellen am oberen Mekong aufhört Sanan Suwanta ist ein stolzer Fischer. Wie sein Vater und seine Vorfahren hebt er sich insofern von anderen Fischern ab, weil er ein Jäger des Pla Buek ist, dem Riesenwels im Mekong, der bis zu drei Meter lang werden und fast 300 Kilogramm wiegen kann. Doch wie der Pla Buek, der grösste schuppenlose Süsswasserfisch der Welt, könnte auch Sanan bald der letzte seiner Art sein.
“Der Mekong ist nicht mehr das, was er einmal war”, bedauert Sanan, ein Mann in den Vierzigern. Auf der kleinen Insel Don Waeng, direkt vor seinem Heimatdorf Ban Had Krai im Distrikt Chiang Khong der Provinz Chiang Rai, bereitet er gerade seine Fischereigeräte vor. Das Flussbett vor Ban Had Krai ist ruhig, frei von Stromschnellen und Unterwasserfelsen und damit der einzige Ort in Thailand, wo die Jagd auf den Riesenwels überhaupt möglich ist.
Wie in jedem April, wenn der Wasserspiegel am niedrigsten ist, errichten die Fischer sowohl vom thailändischen als auch vom laotischen Ufer des Mekong ihre kleinen Hütten auf der Insel, um von hier aus die riesigen Tiere zu jagen und zu fangen. Für die Bewohner des Distrikts Chiang Khong ist diese Jagd die Fortsetzung einer uralten Tradition. Für Umwelt- und Tierschützer allerdings ist dieser Sieg des Menschen über mystische Kreaturen nur eine Gefahr für die ohnehin schon vom Aussterben bedrohte Tierart, die es nur im Mekong gibt. Die kritischen Blicke der Umweltschützer haben sich in den letzten Jahren immer mehr auf die Fischer von Chiang Khong gerichtet, weil die Zahl der gefangenen Riesenwelse kontinuierlich abnahm.
Im Jahr 1990 verzeichnete Chiang Khong seinen grössten Fang aller Zeiten, nämlich 69 Pla Buek. Aber seitdem gingen die Zahlen Jahr für Jahr zurück, Hand in Hand mit dem ökologischen Zerfall des Mekong. Von 2001 bis 2003 wurden überhaupt keine Riesenwelse gefangen. Im letzten Jahr kehrten die Tiere zurück, und sieben von ihnen wurden gefangen. Dieses Jahr war nach Angaben der Fischer relativ gut. Vier Pla Buek wurden gefangen, einer von ihnen war mit 294 Kilogramm der grösste in der Geschichte von Chiang Khong.
“Die Fischer für die Abnahme der Riesenwelse im Mekong verantwortlich zu machen, ist absolut unfair”, beklagt sich Rian Jinnarat, ein 56 Jahre alter Gemeindevorsteher in Chiang Khong, der sich nur in der Saison als Fischer betätigt. “Wir haben schon genug gelitten, weil der Fluss trübe wurde und einen fauligen Geruch bekam”, sagt Rian. “Das Steigen und Fallen des Wasserspiegels ist in letzter Zeit extrem und vor allem unberechenbar geworden. Das schmutzige Wasser lässt das Seegras und andere Wasserpflanzen verwelken. Die Fischpopulation hat drastisch abgenommen, nicht nur die des Pla Buek. Einige Fischarten, die ich seit meiner Kindheit kannte, sind vollkommen verschwunden.”
Warum? Wenn man andere Bewohner von Chiang Khong befragt, bekommt man die gleichen Antworten wie die von Rian. Das Problem wurde von China verursacht. “Die chinesischen Dämme stromaufwärts haben den Wasserspiegel und die Wassermenge beeinflusst, beide schwanken jetzt zu sehr”, sagt Oon Thammawong, ein 57 Jahre alter Mann aus Ban Had Bai, einem Dorf am Mekong. “Das Sprengen von Stromschnellen durch die Chinesen hat unser Wasser trübe gemacht und die Laichplätze unserer Fische zerstört.” Man sollte in der Politik zum Schutze des Pla Buek also besser nicht die Fischer zu Sündenböcken machen, verlangen die beiden Gemeindeoberhäupter. “Und denkt nicht nur an den Pla Buek”, warnt Rian die Umweltschützer. “Denkt an den Mekong. Wenn unser Mekong wieder gesund wird, werden auch seine Fische wiederkommen, auch der Pla Buek.”
Das chinesische RätselEiner der wenigen noch ungezähmten grossen Ströme der Welt, der mächtige Mekong, ist reichlich versehen mit Stromschnellen, Unterwasserfelsen und Sandbänken, die für eine reiche und komplexe biologische Mannigfaltigkeit entlang der 4.220 Kilometer langen Strecke sorgen, auf der er von China über Burma, Laos, Thailand und Kambodscha bis nach Vietnam gelangt und Millionen Menschen ernährt.
Drastische Veränderungen kamen auf den Mekong zu, als China während der Bemühungen um die wirtschaftliche Belebung seiner südlichen Region damit begann, eine Kaskade von Dämmen am Oberlauf des Flusses zu errichten, um mit ihnen elektrische Energie zu erzeugen. Trotz der Beschwerden seiner südlichen Nachbarn baut China zur Zeit bereits den dritten Staudamm. Mehr als zehn weitere sollen folgen. Damit begann die Misere der am Fluss lebenden Menschen unterhalb der Baustellen, auch in Thailand.
Als der Manwan-Staudamm in Yunnan im Jahr 1996 fertig war, trocknete der Mekong vor Rians Dorf plötzlich aus, und die Menschen konnten zu Fuss auf die andere Seite nach Laos gelangen. “Ich war schockiert, so etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen”, erinnert sich der Fischer. Einstimmig beschweren sich die Bewohner entlang des Flusses auch über die unnatürlichen Schwankungen des Wasserspiegels, seitdem einige Dämme ihre Arbeit aufgenommen haben. “Die Gezeiten ändern sich heute schlagartig. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut kann bis zu einem Meter am Tag betragen”, beschwert sich der Fischer Oon.
Die Situation wurde noch schlimmer, als China 2001 mit Zustimmung von Burma, Laos und Thailand damit begann, Stromschnellen zu sprengen, um den Oberlauf des Mekong für die kommerzielle Schiffahrt zu öffnen, damit auch grössere Frachtschiffe von Chinas Provinz Yunnan bis nach Luang Prabang in Laos fahren können. Während dieser Sprengungen von 2001 bis 2003 wurde in Chiang Khong kein einziger Pla Buek gesichtet. “Andere Fischarten haben zahlreiche Möglichkeiten, sich aus der Vegetation des Flusses zu ernähren, doch auch diese Arten wurden geringer”, erklärt ein anderer Fischer aus Ban Had Bai.
Nach dem Verschwinden der Stromschnellen wurde die Strömung im Fluss noch reissender. Das hatte zur Folge, dass zahlreiche Flussufer zerstört wurden. Das Dorf Ban Had Bai verlor mehr als 100 Rai Uferland. Auf diesem Land wurde vorher in der Trockenzeit Gemüse angebaut, um das Einkommen der Dorfbewohner aufzubessern. “Als wir bei den Behörden um Unterstützung baten, wurde uns erklärt, das sei unmöglich, da die Schäden auf natürlichem Wege entstanden seien. Doch das stimmt nicht. Es waren die chinesischen Dämme, die das verursacht haben”.
Seitdem die Dämme in Betrieb sind, sagen die Anwohner, haben sich Stärke und Richtung der Strömungen verändert. Erde und Sand von den Sprengungen haben Unterwasserfelsen und Stromschnellen bedeckt und die Grösse und Lage von Sandbänken beeinflusst. Auch Sümpfe und kleine Teiche in Ufernähe sind flacher und kleiner geworden. “Das sind Lebensräume zahlreicher Fisch- und Pflanzenarten. Wenn die ruiniert werden, sind wir es auch”, sagt Gaewsai aus Ban Had Bai.
Zum Beispiel das berühmte Seegras des Mekong, genannt “Gai”. Es wächst an Unterwasserfelsen und benötigt klares Wasser, damit es Sonnenlicht erhält. Gai ist nicht nur ein wichtiges Produkt für die Uferbewohner, sondern auch eine Nahrungsquelle für zahlreiche Fischarten. Wenn Sand die Felsen bedeckt und das Wasser trübe wird, stirbt das Seegras ab. Vor den chinesischen Eingriffen konnte Seegras mehr als fünf Monate im Jahr geerntet werden. Heute nur noch einen Monat, und die Ernte ist nicht mehr von der gleichenQualität. Zu den Ablagerungen von den Sprengungen kommen auch immer mehr Ölverschmutzungen, hervorgerufen durch den zunehmenden Schiffsverkehr. Zudem sind zahlreiche Fischerboote in der Mitte des Stromes gekentert, weil sie den hohen Wellen, die von den neuen Frachtschiffen verursacht werden, nicht standhielten.
Die Wellen, der Lärm und der drastische Verfall der Mekong-Ökologie haben die Verhaltensmuster der Fische unterbrochen, vor allem ihre Trips zu den Laichplätzen am Oberlauf des Flusses. “Früher kamen wir nie mit leeren Netzen und Händen vom Fischfang zurück. Heute sind viele von uns gezwungen, sich Arbeit in den Städten zu suchen”, echot es aus den Reihen der Fischer.
2001 sahen die Bewohner von Chiang Khong der Gefahr des Sprengens von Stromschnellen direkt ins Auge, als das Projekt die thailändische Grenze erreichte. Direkt bedroht war ein Komplex aus Stromschnellen, Sandbänken und Unterwasserfelsen, genannt Kong Pi Long, der das Öko-System des Flusses in Chiang Khong unterhält und Heimat zahlreicher Fisch- und Pflanzenarten ist, darunter auch solche von medizinischem Wert. Es entstanden wütende Proteste, woraufhin die Pläne vorerst auf Eis gelegt wurden, weil sich auch Politiker Sorgen darüber machten, dass die Sprengungen Grenzmarkierungen zwischen Thailand und Laos beeinflussen könnten. Doch die Bedrohung besteht weiterhin. “Sie wird erst verschwinden, wenn die Politiker aufhören, nur ans Geld zu denken. Sie müssen an die wirtschaftliche Lage der armen Leute denken, wie ihr Leben eng mit der Natur verbunden ist und von ihr abhängt, und wie wichtig es ist, den Mekong vor Schaden zu bewahren, um seine Anwohner vor dem Abgleiten in Hunger und Armut zu schützen.”
Und in der Zukunft?Der steigende Wasserspiegel in Ban Had Krai signalisiert, dass die Pla Buek-Saison bald vorüber ist. So auch die Pla Buek-Kontroverse, die aber im nächsten Jahr von neuem beginnen wird, wenn die Fischer zu ihrer uralten Tradition zurückkehren. Wie seine Kollegen auch, hat Sanan nichts gegen die Idee der Naturschützer, gefangene Pla Buek aufzukaufen und sie dann wieder in die Freiheit im Mekong zu entlassen. Sie können dann weiter stromaufwärts zu ihren Laichplätzen schwimmen.
Doch das ist nicht die Lösung des gesamten Problems. Die Fischerei-Abteilung des Landwirtschaftsministeriums verbietet die Jagd auf den Pla Buek bereits, weil er eine gefährdete Tierart ist. Doch als Teil ihres Brut-Programms gibt sie den Fischern Jagderlaubnis, die zustimmen, ihren Fang den Beamten der Abteilung zu übergeben, damit diese die Eier für künstliche Befruchtungen entnehmen können. Wenn diese Fische dann wieder ins Wasser entlassen wurden, sind sie bisher immer anschliessend gestorben. Die Beamten machen dafür die Jagdtechniken der Fischer verantwortlich, diese behaupten hingegen, die beamteten Nichtfischer würden die gefangenen Fische zu sehr quetschen, um die Eier aus den Körpern zu pressen. “Das ist wie eine Abtreibung”, sagt ein Fischer dazu.
Doch ein totales Verbot der Pla Buek-Jagd wäre auch nicht die richtige Antwort, darüber sind sich zumindest die Fischer einig. “Wenn wir den Mekong schützen wollen, müssen wir auch die Verbindung zwischen den Menschen und ihrem Fluss schützen”. Die Jagd auf den Pla Buek ist eine uralte Lebensgewohnheit der Bewohner von Chiang Khong, die eng mit ihrem Fluss verbunden sind. “Wir beschützen den Mekong, denn unser Leben hängt von ihm ab. Wenn unsere Verbindungen zu ihm verboten werden, wird ihn auch niemand mehr beschützen.” Der Streit zwischen den Fischern und den Fischereibeamten verfehlt sowieso die wahren Schuldigen. Doch die chinesischen Staudämme und das Sprengen der Stromschnellen sind ein zu grosses Problem für Dorfbewohner und Fischer. Eine richtige Lösung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Anrainerstaaten des Mekong. Solange die Chinesen an ihren Plänen festhalten, am Oberlauf des Mekong noch mehr Staudämme zu bauen, werden die Sorgen und Querelen der Bewohner der stromabwärts gelegenen Regionen nicht enden.
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